Spieltag 33 (#d98bsc): „Einfacher und guter Fußball reicht in einer spielerisch limitierten Liga“

Wie schon in der vergangenen Saison kreuzen sich die Wege der Lilien und der Hertha am vorletzten Spieltag. Damals machten die 98er in Berlin den Klassenerhalt klar. Dieses Mal heißt es am Bölle Abschied nehmen vom Bundesliga-Fußball. Hertha-Podcaster Henry hatte vor einem Jahr bereits meine Fragen beantwortet. Was lag da näher, als ihn zum vorerst letzten Aufeinandertreffen unserer Klubs wieder zu sprechen.

So sieht’s aus:

Das war’s. Das 0:1 bei den Bayern machte einen Haken hinter den Bundesliga-Abstieg der Lilien. Und dennoch zeigte diese Partie, dass die engagierten 98er zurecht in den letzten beiden Jahren im Oberhaus mitmischten. Klar, die Bayern waren mit der Meisterschaft im Gepäck nicht mit der größten Vehemenz am Start. Zudem durften sich einige Herrschaften aus der „2. Reihe“ probieren. Und dennoch bot der Meister eine Startelf auf, die einen Marktwert von über 330 Millionen Euro auf sich vereinte. Torchancen ließen sich da vermeiden, doch die Lilien hielten dagegen und agierten überhaupt nicht wie die Maus vor der Schlange.

Das Team von Torsten Frings versuchte zunächst kompakt zu stehen, und wenn möglich Offensivaktionen zu starten. Ersteres klappte überwiegend, zweiteres in den ersten 60 Minuten nur sporadisch. Doch in der letzten halben Stunde bekamen die Lilien einen besseren Zugriff auf das Spiel. Statistiker zählten gar 13 Torschüsse der 98er. Mehr als jedes andere Team in dieser Saison in München abgab. Ein klasse Distanzschuss von Sandro Sirigu und ein vergebener Strafstoß von Hamit Altintop hätten gegen Ende hin fast noch den Ausgleich bedeutet. So gab es letztlich zwei 0:1-Saisonniederlagen gegen Bayern München, in denen der Rekordmeister den SVD nie an die Wand spielte.

Nun nimmt das Böllenfalltor am Samstag gegen Hertha BSC Abschied vom Bundesliga-Fußball. Angesichts der DFL-Auflagen wird es das Stadion in dieser Form nicht mehr auf Bundesliga-Niveau geben. Das prominenteste Beispiel der zahlreichen Forderungen ist eine überdachte Gegengerade. Aus diesem Anlass ruft eine Fan-Initiative die Anhänger auf der Gegengeraden dazu auf, am Samstag beim Anpfiff nach dem Motto „Mit Schirm, Schal und ohne Millionen“ Regenschirme aufzuspannen. Auch wenn es dazu in der vergangenen Woche Diskussionen gab, ob das nun zielführend sei, ich finde die Aktion hat Charme und beweist eine Darmstadt-typische Selbstironie.

Ein Sieg nach dem Motto „Raus mit Applaus“ wäre Team und Fans gegen die Hertha zu wünschen. In der Rückrunde gewann der SVD bislang vier der sieben Partien am Bölle, während die Berliner seit Anfang Dezember auf einen Punktgewinn in der Fremde warten. Seit fast 300 Minuten wartet das Team von Pal Dardai auswärts auf einen Treffer. Wollen die Berliner die Europa League nicht wie letztes Jahr auf der Zielgeraden verspielen, dann müssen sie am Bölle gewinnen. Der Druck liegt also wieder einmal beim Gegner. Gut so.


Die aktuelle Prise Lilien-Podcast:

Das Spiel bei den Bayern und den Abstieg hatten wir am Montagabend schnell abgehakt. Vielleicht weil Kai, unser strukturierter Moderator, es einfach vorzog, beim Inder essen zu gehen? Der verbliebene Rest blickte stattdessen mit einigem Optimismus auf das Hertha-Spiel. Wobei? Mike bleibt sich treu und lässt sich seinen Pessismus einfach nicht austreiben. (KLICK)


Der Kontrahent hat das Wort:

Henry ist fester Bestandteil des Damenwahl-Podcasts (KLICK), den er mit zwei weiteren Hertha-Fans betreibt:

Henry, verspielt die Hertha zum zweiten Mal die Europa League?
Nein, dieses Jahr wird es am Ende reichen. Mit Ach und Krach zwar, aber es wird reichen. Noch liegt Hertha im Rennen um Europa vorne und hat mit Darmstadt (sorry) und Leverkusen ein machbares Restprogramm.
Die Frage, ob das überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist, bleibt natürlich davon unberührt. Die nächste Saison wird voraussichtlich hochinteressant. Die Prognosen werden, den Abstieg betreffend, viel weiter auseinandergehen, als in den letzten Jahren. Einen klaren Absteiger sehe ich derzeit nicht. Außerdem blasen Mannschaften wie Schalke, Leverkusen und Gladbach, die sich nicht alle in dieser Saison für Europa qualifizieren können, zum Angriff. Und die haben dann nicht nur die Lust, das Personal und die Qualität, das auch erreichen zu können, sondern im Herbst auch mindestens sechs Spiele weniger.

Der Saisonverlauf der Hertha ist nahezu identisch mit dem letztjährigen. Starke Hinrunde, schwache Rückrunde. Worauf führst Du das zurück?
Ich sehe weniger eine Rückrundenschwäche, sondern eine dramatische Auswärtsschwäche. Die Resultate zu Hause waren hingegen ganz passabel. Hertha steht in der Heimtabelle weiterhin exzellent da.

Warum zeigt das Team dann auswärts ein ganz anderes Gesicht als zuhause?
Ich habe dafür auch keine Erklärung. Irgendeine absurde Mischung aus Verzagtheit, Verletzungspech, Spielpech sowie taktischen, technischen und spielerischen Unzulänglichkeiten. Und, so komisch es nach neun Auswärtsniederlagen am Stück klingt, Hertha war in ganz wenigen Spielen ohne Möglichkeiten. Viele der Spiele hätten auch andersrum ausgehen können. Wenn im Fußball 40 Prozent Glück sind, wie Dardai gerne sagt, dann hat Hertha dieses Glück offensichtlich in Gänze bereits in der Hinrunde aufgebraucht.

Wird angesichts der zweiten enttäuschenden Rückrunde eigentlich in der Fanszene über Pal Dardai diskutiert?
In meiner Wahrnehmung steht der Trainer nicht zur Debatte. Das hielte ich auch für falsch. Hertha spielt in der zweiten Saison in Folge bis zuletzt um Europa mit. Schwergewichte wie Schalke, Gladbach und Leverkusen schauen in die Röhre. Damit kann ich gut leben.

Geht man den Kader der Hertha durch, dann musste man sie nicht unbedingt als Europapokal-Anwärter auf dem Zettel haben. Läuft es nur, wenn das Team über sich hinauswächst?
Nein, eher wenn die Mannschaft konzentriert einfachen und guten Fußball spielt. Dann reicht das in einer spielerisch insgesamt eher limitierten Liga derzeit eben.

Jetzt kommt eine Steilvorlage für jeden Hertha-Fan: Hast Du dich in der Rückrunde das ein oder andere Mal bei dem Gedanken ertappt, dass ein Sandro Wagner in der Form der letzten beiden Spielzeiten keine schlechte Alternative im Angriff wäre?
Dieser Spieler konnte sich in Berlin (und allen anderen Vereinen davor) nie durchsetzen. Woran lag das? Seine Erfolge in Darmstadt in der vergangenen Saison führte ich auf den besonderen Spielstil der Darmstädter, mit der absoluten Fixierung auf ihn als Stoßstürmer, zurück. Die laufende Saison scheint aber deutlich zu machen, dass das nicht der Fall ist. Seine Leistungen in Darmstadt und Hoffenheim sind aus sportlicher Sicht zu würdigen. Insofern scheint er offensichtlich über eine Qualität zu verfügen, die Schuster und Nagelsmann gut nutzen konnten.
Aber sollte ich jemals den Gedanken gehabt haben, dass uns dieser Spieler gutgetan hätte, dann wären mir nach seiner bodenlosen Unsportlichkeit nach seinem Treffer in Berlin diese Ideen gründlich ausgetrieben worden. Dieser Jubel in Richtung Heimfans ist aus meiner Sicht (abgesehen von üblen Fouls) an Widerwärtigkeit auf einem Fußballplatz kaum zu überbieten. Er ist Ausdruck einer tiefsitzenden Unsportlichkeit. Wer diese Szene nicht mehr vor Augen hat, dem sei Youtube empfohlen. Mir sind solche Spieler ein Graus und ich lehne sie ab.
Wie es anders geht, zeigt Peter Niemeyer. Er war zur selben Saison von Hertha zu Darmstadt gewechselt . Er hat den völlig durchgedrehten Wagner aus dessen Jubel-Darstellerei herausgeholt und wieder eingenordet. Und er ging nach dem Spiel samt Töchterchen auf dem Arm zur Ostkurve und wird mit ordentlichem Applaus empfangen. Ein Sinnbild!  Der Kontrast zwischen Sportlichkeit und Unsportlichkeit hätte nicht bildhafter dargestellt werden können.

Mit Änis Ben-Hatira gab es in der ersten Saisonhälfte einen weiteren Ex-Herthaner im Kader. Sein Engagement endete ein wenig unrühmlich. Wie bewertest Du seinen Werdegang seit er euch verlassen hat?
ÄBH war schon immer ein Spieler mit großartigem fußballerischem Potential. Aber offenbar ist sein Körper nicht für diese Art der Dauerbelastung gemacht. Die langfristigen Zahlen zeigen, dass er die Hälfte der Saison immer fehlt, weil er entweder verletzt ist oder sich im Wiederaufbau befindet. Gesund war er viel zu selten, dann aber meist ein guter bis sehr guter Spieler. Er hat sehr wichtige Tore für Hertha geschossen. Aber es fehlte einfach die Konstanz. Daher war ich auch nicht traurig, als er endlich ging.
Diese Geschichte setzte sich ja dann auch in Frankfurt und Darmstadt nahtlos fort. Auch hier war er nicht die erhoffte verlässliche Stütze. Seine außersportlichen Aktivitäten lehne ich inhaltlich dezidiert ab. Ich finde aber trotzdem nicht, dass dieses Engagement eine Trennung unumgänglich gemacht hat.

Am Samstag fehlen mit Per Skjelbred, John Brooks und Sebastian Langkamp drei Startelfspieler vom vergangenen Wochenende. Eine große Hypothek?
Eher im Gegenteil: Skjelbred war überspielt, er brauchte ohnehin eine Pause. Ich vermute, er wäre nach einigen eher schwachen Spielen in den letzten Wochen gegen Darmstadt sowieso draußen geblieben. Auch Langkamp hatte schon bessere Phasen. Die beiden werden adäquat ersetzt werden können.
Der Ersatz für Brooks wird Jordan Torunarigha sein, 19 Jahre, ein Rohdiamant mit bereits schönem Grundschliff. An dem werde wir noch unsere Freude haben. Dardai wird entsprechend junge Burschen einsetzen. Das könnte es für Darmstadt schwerer machen, weil es kaum zu planen ist. Ich bin schon ganz gespannt und freue mich auf das Spiel.

Was tippst Du, wie wird das Spiel am Samstag laufen?
Bei Darmstadt ist die Anspannung nach dem letzten Spieltag nun wahrscheinlich abgefallen. Trotz der großartigen Atmosphäre in den letzten Spielen zu Hause denke ich nicht, dass sich das Team nochmal aufraffen kann. Und Hertha muss zeigen, dass man doch noch auswärts gewinnen kann. Die Konstellation ist günstig für uns. Daher rechne ich mit einem Auswärtssieg.

Da halte ich gegen. Ich rechne damit, dass die Lilien noch einmal richtig Gas geben, gerade vor eigenem Publikum. Ich freue mich jedenfalls auf ein volles Bölle mit guter Stimmung.
Da sei mir abschließend noch die Bemerkung erlaubt. Ich fand es sehr schön, dass ihr in der Liga wart. Einfach mal was Neues, das tat uns allen gut. Und dass ihr es darüber hinaus noch ein Jahr länger in der Liga ausgehalten habt und allen „Experten“ eine lange Nase gedreht habt, hat mir auch sehr gut gefallen. Ich kann das gut nachempfinden. Hertha wird seit Jahren in die zweite Liga geschrieben. Alle wissen schon vor jeder Saison, warum Hertha so schwach ist und niemals die Klasse halten kann. Aber es kümmert sich hier niemand um das Gerede. So wie sich im letzten Jahr bei euch auch niemand darum gekümmert hat. Ihr habt einfach nur Fußball gespielt.
Kommt bald wieder, die Liga braucht Vereine, die nicht ganz so gewöhnlich sind. Hoffentlich ist Hertha dann auch noch da und wir sehen uns wieder. Es war mir eine Freude.

Besten Dank, Henry. Solch ein Lob wissen die Lilien-Fans sicher zu schätzen!


An diesem Wochenende vor vier Jahren:

„Alles oder nichts“ lautete das Motto der Lilien am vorletzten Spieltag in Liga 3. Die 98er auf Rang 19 mussten beim 12. aus Erfurt gewinnen, um nicht vorzeitig abzusteigen. Und was soll man sagen? Sie lieferten! 4:2 hieß es am Ende der nervenaufreibenden Partie. Erstmals hatte Dirk Schusters Team in einem Spiel vier Tore erzielt und damit den erst dritten Auswärtssieg errungen. Spieler der Partie war Marcus Steegmann, der es den Fans im Verlauf der Saison nicht leicht gemacht hatte. Drei Tore erzielte der Stürmer in Erfurt, den ersten Treffer durch Preston Zimmerman hatte er aufgelegt. Damit erzielte Steegmann 60 Prozent seiner Saisontore an diesem Nachmittag. Der Spielverlauf selbst war nichts für schwache Nerven. Völlig untypsich führte der SVD nach zwölf Minuten mit 2:0 und hätte wenig später gar auf 3:0 stellen können, nur um nach einer halben Stunde den Ausgleich zu kassieren. Doch die Blau-Weißen blieben fokussiert und machten in Halbzeit 2 kurz vor Schluss den Deckel drauf. Der Klassenerhalt blieb greifbar.

Die Lilien-Mannschaft vom 4:2 beim FC Rot-Weiß Erfurt
Zimmermann (C) – Hickl (90. Maas), Sulu, Gorka, Stegmayer – Behrens, Latza, Hesse (90. Da Costa), Zielinsky (46. Hübner) – Zimmerman (1), Steegmann (3)
Zuschauer: 5.846

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