Insider im Gespräch über … Julian von Haacke (#8)

Die Werder-Connection bleibt dem SVD auch unter Torsten Frings erhalten. Mittelfeldspieler Julian von Haacke wechselt zwar von NEC Nijmegen zu den Lilien, wurde allerdings beim SVW ausgebildet und spielte bis 2016 für die Zweitvertretung der Grün-Weißen. Darüber hinaus war er für mich ein unbeschriebenes Blatt. Das sollte sich nachhaltig ändern, nachdem ich Cedric zu ihm befragt hatte. Der Werder-Fan schreibt für spielverlagerung.de sowie die Syker Kreiszeitung und weiß eine ganze Menge über den jüngsten Neuzugang der Lilien.

Cedric, Julian von Haacke stößt zu den Lilien. Du hast seine Entwicklung in den letzten Jahren mitverfolgt. Auf welchen Spielertyp dürfen wir uns am Böllenfalltor freuen?
Auf einen Spieler, den man als neutraler Beobachter nicht unbedingt mit dem Lilienfußball aus der Bundesliga in Verbindung bringen würde – der aber gut zur spielerischen Komponente passen könnte, die Torsten Frings im Saisonendspurt nach und nach herausgearbeitet hat: von Haacke ist ein zentraler Mittelfeldspieler, der mit Ballsicherheit, intelligenter Positionsfindung und vielseitigem, sauberem Passspiel Einfluss auf den Spielrhythmus nehmen kann. Halb im Scherz von Spielverlagerung.de-Kollege Martin Rafelt als „deutsche Mischung aus  Leon Britton [Swansea City] und Paul Scholes“ betitelt – wenngleich selbstverständlich längst nicht auf deren Niveau.

Auf Twitter wurde mir gleich aus dem Umfeld der Werder-Fans zugetragen, er sei eine „Perle“. Was macht ihn so wertvoll?
Er fällt unter die Sorte Spieler, die zwischen „unsung hero“ und Liebling der Fußball-Hipster pendeln – er bringt Fähigkeiten mit, die nicht immer auffallen, aber enorm wichtig für die Balance eines Teams sein können. Im Aufbau läuft er sich oft clever frei, reißt das Spiel aber nicht so sehr an sich wie z.B. ein Spielertyp der Marke Johannes Geis (bei den Lilien hat das, glaube ich, in der Rückrunde Altintop ein bisschen übernommen). Er findet unter Druck recht zuverlässig sinnvolle Lösungen (und bietet sie auch seinen Mitspielern durch sein Freilaufen an), ist technisch überdurchschnittlich veranlagt und nutzt seine Fähigkeiten im Dribbling intelligent, sprich: Eher raum- als gegnerorientiert. Dafür spielt er aber selten den letzten Pass oder sucht selbst den Abschluss. Ein Ballverteiler und „Verbindungsspieler“ im besten Wortsinn, der im Spiel oft positiv heraussticht, um dann in den Highlightvideos zu verschwinden.

Warum hat es von Haacke dann bei Werder mit Anfang 20 nicht in den Bundesligakader gepackt?
Das hatte verschiedene Gründe – ich nenne mal drei: Einerseits funktioniert von Haacke am besten in Teams, die zumindest ansatzweise den Anspruch entwickeln, spielerisch mitzuhalten. Zu seiner Zeit war Werder davon weit entfernt – unter Robin Dutt und Viktor Skripnik spielte Werder oft einen unkontrollierten, dafür laufintensiven Stil. Dementsprechend wurde das Personal ausgewählt. Jugendspieler wurden besonders auf Offensivpositionen herangeführt, da Fehler weiter vorne seltener bestraft werden. So ist irgendwann Florian Grillitsch in die Rolle des balancierenden Sechsers/Achters „hineingewachsen“, während man von Haacke trotz starker U23-Leistungen nicht ins kalte Wasser werfen wollte.
Der nächste Grund ist recht banal – Morbus Werder, zu Deutsch: Kreuzbandriss mit Anfang 20. Im April 2014 war’s auch für von Haacke soweit, dadurch verlor er ein ganzes Jahr.
Und last but not least ist ein von Haacke bei allem lobenden Überschwang natürlich kein Alleskönner – defensiv ist er bis heute eher „okay“ als gut, vor allem wurde ihm sein körperloses Spiel vorgehalten. Ein wenig gebessert hat sich das, zum Abräumer wird er aber wohl nicht mehr. Die Grätsche sieht man von ihm selten, das clevere Wegspitzeln klappt nicht immer.

Er hat in der letzten Saison den Sprung von der 3. Liga in die 1. niederländische Liga gemeistert. Wie hast Du ihn dort gesehen?
In Nijmegen habe ich von Haacke vor allem in der Hinrunde dann und wann verfolgt – in meinen Augen war der Abgang damals sinnvoll und schade zugleich, weil von Haacke die Spielpraxis auf höherem Niveau brauchte, aber nach wie vor eine Menge Potential besaß, das ich auch gerne weiter in Bremen gesehen hätte. Unter Peter Hyballa war von Haacke zunächst Stammspieler als zentraler Mann in einem Dreier-Mittelfeld – und wahrscheinlich der beste „Fußballer“ im Team, gemessen an den technischen Fähigkeiten und der Entscheidungsfindung. NEC hat für einen Eredivisie-Club enorm vertikal spielen lassen und auch Ballverluste riskiert. Man hatte schnelle Flügelspieler, die in Szene gesetzt werden sollten, aber man hielt den Ball nie sonderlich lange. Von Haacke spielte im Team im Schnitt die meisten Pässe mit der besten Erfolgsquote (gefühlt und eben nach kurzer WhoScored-Zwischenrecherche auch tatsächlich), gerade auch lange, verlagernde Bälle auf die Flügel kamen deutlich besser an als im Team-Schnitt. Unterm Strich war er also der zentrale und einzige Spielmacher in einer auf Schnellangriffe ausgerichteten Mannschaft. Dabei zeigte er zumindest in der Hinrunde zumeist gute Leistungen, ohne mit seiner Spielweise wirklich von der mannschaftlichen Ausrichtung zu profitieren.

Empfindest Du den Wechsel zu einem Zweitligisten als richtigen nächsten Schritt, oder hätte er es sogar bei einem Bundesligisten versuchen sollen?
Wenn ich ehrlich bin: Ich hätte von Haacke vielleicht sogar ganz unironisch die Grillitsch-Nachfolge bei Werder zugetraut. Das ist allerdings ein Risiko, das wohl kein Verantwortlicher eines Erstligisten eingegangen wäre. Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass ich die zweite Liga derzeit seinem Leistungsniveau für angemessen halte – und die Lilien für einen sinnvollen Verein, da ihr nach den zwei Jahren im Oberhaus eigentlich eine solide Basis besitzen solltet, um nicht wie einst beim Sensations-Durchmarsch als Außenseiter, sondern als ambitionierter Club anzutreten und dementsprechend zu spielen. Zudem glaube ich, dass das mit Frings und ihm sehr gut klappen könnte.

Der kicker beschreibt ihn als möglichen Nachfolger von Jerome Gondorf, der am Böllenfalltor in den letzten vier Jahren unersetzlich war. Er konnte auf der 6 und der 8 spielen. War laufstark, giftig und technisch durchaus versiert. Zudem war er an einigen Toren beteiligt. Klingt das nach Fußstapfen, die er ausfüllen kann?
Kurz und bündig: Nein. Von Haacke wird Gondorfs Stärken nicht ersetzen können. Technisch könnte er Gondorf durchaus ein Stück voraus sein, ansonsten ist „Jego“ – bei dem ich schon gespannt bin, wie er sich bei Werder einfinden wird – einfach ein ganz anderer, weitaus aggressiver spielender Typ. Das Box-to-Box-Laufwunder wird aus von Haacke nicht mehr.

Auf welcher Position siehst Du ihn am ehesten?
Im Darmstädter System als Teil der Doppelsechs – im klassischen Sinne eben neben einem Gondorf-Nachfolger oder einer anderen physischen Präsenz, die defensiv unterstützt. Generell kann von Haacke in verschiedenen Ausrichtungen als Sechser oder Achter eingesetzt werden. Aktuell sehe ich ihn in Konkurrenz zu Altintop, bzw. als dessen Nachfolger, falls keine Verlängerung zustande kommt, oder alternativ als Teil einer auf mehr Positionsspiel und Ballbesitz setzenden neuen Philosophie im Unterhaus.

Ist er auch ein Kandidat um Standards zu treten oder als Kopfballspieler Standards zu verwerten?
Standards hat er dann und wann getreten, das ist bei ihm allerdings eher die Kategorie „kann das auch“ – ein ausgemachter Spezialist ist er dann doch nicht. Aber eben ein technisch guter Rechtsfuß, der auch mal eine gute Flanke schlagen kann. Von Haackes Kopfball ist defensiv solide, offensiv unterdurchschnittlich – generell ist der Luftzweikampf nicht sein allergrößter Freund, er mag den Ball am Boden.

Wo sollte er sich noch verbessern?
In dem, was man in den letzten Jahren als Darmstädter Tugenden kennengelernt hat – Zweikampfhärte, Laufstärke, Kämpfermentalität. Aktive Ballgewinne kommen manchmal vor, auf die lauert er aber eher, als dass er sie forciert. Von Haacke ist keine Diva, ausgemachten Technikern wie ihm haftet aber oft recht schnell das Stigma des Schönwetterspielers an, wenn es mal nicht so läuft. Auch an Torgefahr kann er noch zulegen.

Kannst Du abschließend noch etwas über seinen Charakter sagen?
Persönliches zu Julian von Haacke entzieht sich meiner Kenntnis. Auf dem Platz und in Interviews wirkte das allerdings wie eine Mischung aus gesundem Selbstbewusstsein und professioneller Besonnenheit. In der U23 hatte er eine Führungsrolle inne, auch in Holland hat er sportlich Verantwortung übernommen – keine schlechten Vorzeichen also.

Cedric, besten Dank für Deine wertvollen Aussagen.

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2 Gedanken zu “Insider im Gespräch über … Julian von Haacke (#8)

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