Insider im Gespräch über … Joël Mall (#23)

Mit etwas Verspätung gilt es die Verpflichtung von Joël Mall aufzuarbeiten. Der Keeper kommt vom Grasshopper Club aus Zürich ans Böllenfalltor. In den vergangenen beiden Spielzeiten war der Schweizer dort nicht durchweg Stammtorhüter, brachte es aber dennoch auf 43 Einsätze. Über die Qualitäten des 26-Jährigen unterhalte ich mich mit Mämä Sykora, Chefredakteur bei „Zwölf“, das für deutsche Leser vermutlich am ehesten mit „11Freunde“ zu vergleichen ist.

Mämä, Joël Mall wechselt nach Deutschland. Beim GC war er nie die unumstrittene Nummer 1. Warum nicht?
Seit dem Abgang von Roman Bürki in die Bundesliga suchten die Grasshoppers nach einem würdigen Nachfolger zwischen den Pfosten. Es wurde viel experimentiert, kein Stammtorhüter blieb es lange. Das Eigengewächs Vaso Vasic konnte die Erwartungen nie ganz erfüllen, die finanzielle Situation erlaubte dem Verein indes keine grossen Sprünge. So wurde immerhin Joël Mall geholt, um eine Alternative zu haben. Aber auch er leistete sich wie seine Vorgänger einige Aussetzer, und bei den Grasshoppers brauchte es nicht viel, um dann wieder ersetzt zu werden. Deshalb war auch Mall nie unumstritten.

In der Bundesliga kennen wir inzwischen die starke Torwartschule aus der Schweiz. Mall ist beispielsweise nur wenig jünger als der von Dir erwähnte Roman Bürki. Würdest Du ihn von seinem Torwartspiel mit einem der hierzulande bekannten Keeper vergleichen?
Es wäre etwas vermessen, Mall mit den langährigen Bundesliga-Stammkeepern zu vergleichen. Ihm wurde auch nie ein ähnliches Potenzial vorausgesagt, er hat „nur“ fünf Partien für die Schweizer U20-Nationalmannschaft absolviert, keines in der deutlich relevanteren U21. Mall ist ein solider Keeper, aber er hat keine ausgeprägten Vorzüge wie Bürki oder Sommer.

Was sind für dich die Stärken im Torwartspiel von Mall?
Malls Stärken sind sicher seine Reflexe. Auch bei Weitschüssen ist er ein sicherer Rückhalt. Zudem strahlt er eine grosse Ruhe aus, was für eine Defensive viel wert ist. Man kann sagen, dass Malls Fähigkeiten ziemlichen ausgeglichen verteilt sind, weder hat er auffällige Stärken aber auch keine krassen Schwächen. Bei Elfmeter hatte er wenig Gelegenheiten, sich auszuzeichnen, immerhin ging aber eine Szene mit ihm um die Welt, als er für Aarau eine mehrfache Elfmeterchance des FC Zürich vereitelte.

Der erste Elfer wird noch zurückgepfiffen und dann kommt Malls großer Auftritt.

Gibt es Szenen oder Situationen, in denen er immer mal wieder weniger gut aussieht?
Leider – und das ist der Hauptgrund dafür, warum er nie Fixstarter war bei GC – wechseln sich bei Mall Licht und Schatten ab. Das war auch im diesjährigen Abstiegskampf mit den Grasshoppers nicht anders. Im März etwa rettete mit grossen Paraden – unter anderem einen gehaltenen Elfer in der Nachspielzeit – einen Punkt gegen Luzern, nur eine Woche später segelte er im Schicksalsspiel gegen Vaduz an einem Flankenball vorbei und leitete damit die Niederlage ein. Es ist nicht so, dass Mall bei Flanken stets ein Risiko ist, aber in den letzten Spielzeiten musste man als GC-Fan immer damit rechnen, dass ihm wieder so ein Lapsus unterläuft. In jungen Jahren bei Aarau hat man ihm diese stets verziehen, auch weil er sonst viele Chance vereitelte, doch nun ist er in einem Alter, in dem er diese Fehler zwingend abstellen muss.

Hatte Mall in der Schweiz denn einen bestimmten Ruf?
Aufgrund der Dichte an herausragenden Keeper in der Schweiz flog Mall eher unter dem Radar. Als Aarau-Torwart ist man nicht gerade im Fokus der Öffentlichkeit. Was an ihm sehr geschätzt wird, ist, dass er auch nach Fehlern keine Ausflüchte sucht und stattdessen den Kopf hinhält. Er gilt als sehr umgänglich, freundlich und sehr ehrlich. Aber eben auch als einer, der immer wieder mal einen Fauxpas einbaut.

Hat es dich überrascht, dass er jetzt den Schritt ins Ausland wagt?
Ich muss die Antwort umgekehrt geben: Mich hat überrascht, dass sich ein Klub aus dem Ausland für ihn interessiert. Es ist ja nicht so, dass in Deutschland gute Keeper Mangelware sind. Dass Mall dieses Angebot annimmt, ist nur logisch. Sowohl Verdienst- wie auch Aufstiegsmöglichkeiten sind in der 2. Bundesliga besser als in der Super League. Zudem ist er in einem Alter, in dem er reif genug für einen Wechsel ist. Wer weiß, ob er nochmals so eine Möglichkeit bekommen hätte, zumal es ein offenes Geheimnis war, dass sich die Grasshoppers nach einer neuen Nummer 1 umschauen.

Daniel Heuer Fernandes zeigte bei seinen wenigen Einsätzen in der vergangenen Saison, dass man sich in Darmstadt vollauf auf ihn verlassen kann. Er stand Stammkeeper Michael Esser in nichts nach, den der kicker heute als neuntbesten Torhüter der vergangenen Spielzeit bewertete. Ich rechne also damit, dass Heuer Fernandes mit einem Vorsprung in die Saisonvorbereitung geht. Glaubst Du, dass Mall in der Lage ist, ihm die Nummer 1 streitig zu machen?
Ich bin sehr gespannt und eher skeptisch. Mall müsste nicht nur gleich gut, sondern besser sein als Heuer Feranandes, sonst geht er nicht als Nummer 1 in die Saison. Wie mir schon mehrere deutsche Torhütertrainer bestätigten, bringt die Schweizer Torwartschule aber tatsächlich etwas mit, was in Deutschland fehlt. Auch bei Marwin Hitz fragten sich viele Leute, warum Wolfsburg den holte, auch er war nicht aus herausragender Keeper bekannt hierzulande. Heute ist er in Augsburg die klare Nummer 1. Vielleicht ist diese Kombination aus Schweizer Torwartschule und deutschem Feinschliff das, was einen guten Keeper ausmacht.

Wenn man das Internet durchforstet, dann liest man, dass Mall einen engen Kontakt zu seinem früheren Klub aus Aarau pflegt. Ist er also eher ein bodenständiger, familiärer Typ?
Diese Einschätzung ist richtig. In Aarau wurde er gefeiert, auch weil er nur wenige Kilometer von Aarau entfernt aufgewachsen ist. Er war ein Lokalheld. Lustigerweise riefen die Fans in Aarau nach guten Aktioen jeweils „Uwe Mall“. Uwe ist Joëls Vater und der wurde 1983 mit dem TV Zofingen – ein Dorf bei Aarau – Schweizer Meister im Handball. Joël ist ein sehr ruhiger Charakter, alles andere als ein Stinkstiefel. Selbst wenn er wieder auf die Bank gesetzt wurde, kam nie ein schlechtes Wort über Trainer oder Mitspieler über seine Lippen.

Abschließend noch eine Frage zu den Lilien. Ist der SV Darmstadt 98 in der Schweiz bekannt, und welcher Ruf haftet ihm an?
Den älteren Fussballfans ist der SV Damstadt noch dank der Höhenflüge von Anfang der 80er in Erinnerung. Bis zum Wiederaufstieg hörte man hierzulande wenig von den Lilien. Bei mir war das anders, zumal ein Freund von mir ursprünglich aus Darmstadt ist und ich deshalb schon schöne Drittliga-Spiele im Böllenfalltor erleben durfte. Noch immer liegt bei mir irgendwo eine SV Darmstadt-Warnweste rum, die ich damals in trunkenem Zustand im Fanshop gekauft habe, weil ich das so einen seltsamen Fanartikel fand. Und natürlich wird der Song «Ich glaube an den SVD» von Gerald Wrede hierzulande von Experten auf diesem Gebiet zu den besten Fussballsongs aller Zeiten gezählt. In den letzten zwei Spielzeiten nahm auch der Rest des Landes Notiz vom Klub, und er hat sich den Ruf erarbeitet, mit wenig Mitteln, dafür mit mehr Herzblut Erstaunliches zu leisten. Und dies, ohne über den eigenen Verhältnissen zu leben und ohne Konzern im Hintergrund. Kurz: ein sehr sympathischer Verein.

Mämä, besten Dank für Deine Einschätzungen und schau doch unbedingt mal wieder am Bölle vorbei.

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