3. Spieltag (#d98fcsp): „In der 2. Liga kann man eigentlich nichts seriös erwarten.“

St. Pauli in DA house. Der Kiezklub gibt am Freitag im Böllenfalltor seine Visitenkarte ab. Das letzte Aufeinandertreffen in Darmstadt haben alle Lilienfans noch gut in Erinnerung. Tobias Kempes‘ Freistoßtor schickte den SVD am 24. Mai 2015 schnurstracks in die Bundesliga. Aber auch die Anhänger des FC St. Pauli durften jubeln. Trotz der Niederlage blieben sie in Liga 2. Wer das kommende Duell gewinnt, der darf von einem gelungenen Ligaauftakt sprechen.

So sieht’s aus:

Und dann müssen wir doch gleich mal den Finger in die Wunde legen. Der Pokalauftritt in Regensburg war mal so rein gar nichts. Trainer und Spieler waren sich umgehend einig, dass die gezeigte Leistung viel zu wenig war. Immer wieder wurden Prozentpunkte bemüht, um herauszustreichen, dass weniger als 100 Prozent Einsatz einfach nicht reichen. Da haben wohl nicht alle Kicker im Vorfeld richtig hingehört. Schließlich hatte Torsten Frings lang und breit vor der schwierigen Aufgabe beim Ligakontrahenten gewarnt. Warum es dann doch nicht gereicht hat, sollte und wird gut aufgearbeitet werden. Es zeugt von einem ausgeprägten Realitätssinn, dass die Beteiligten nichts schönreden.

Mit Prozentpunkten darf man auch nach dem letzten Punktspiel auf dem Betzenberg aufwarten: 69 Prozent! So hoch war der Ballbesitz der Lilien. Über 90 Minuten! Auf des Gegners Platz! Heraussprang freilich über weite Strecken der Partie viel zu wenig. So blieb die Dominanz brotlos, denn sie drückte sich überwiegend in risikolosen Pässen in der eigenen Hälfte aus. Keeper Daniel Heuer Fernandes kam auf über 90 Pässe und war damit nach der Auftaktpartie gegen Greuther Fürth erneut der Lilien-Akteur mit den meisten gespielten Pässen. Das Ballbesitzsystem der Lilien muss sich definitiv noch einspielen, es gilt den mutigen Pass nach vorne zu suchen, es muss schneller gespielt und sich mehr angeboten werden. Erst dann wird ein Schuh draus.

Mit St. Pauli kommt jetzt ein Gegner, der zu den ambitionierten Klubs zu zählen ist, der selbst das Heft in die Hand nimmt und der im Gegensatz zu den Lilien in der Liga schon sehr ansprechende Leistungen gezeigt hat. Vielleicht also ein Rivale, der dem Team von Torsten Frings besser liegt? Maik vom traditionsreichen „Übersteiger“ sagt mir, wie er die Lage beim FC St. Pauli sieht.


Der Kontrahent hat das Wort:

Maik ist Redaktionsmitglied beim FC St. Pauli Fanzine „Der Übersteiger“, das 1993 erstmals erschien. Maik gehört seit 2001 zur Redaktion, beschränkt sich seit zwei Jahren aber auf den Blog und den daraus entstandenen MillernTon-Podcast. Auch bei der zuletzt erschienenen Fußballfibel über die Fanszene des Klubs zählt er zu den Autoren.

Maik, die letzte Rückrunde war aus Sicht des FC St. Pauli atemberaubend. Aus nahezu aussichtsloser Position sprang ein überaus souveräner Klassenerhalt heraus. Wie groß war Lienens Werk und Janßens Beitrag?
„Überaus souverän“ ist eine Wortwahl, die sicherlich nicht jeder St.Pauli-Fan so teilen würde, denn Platz 7 am Saisonende täuscht sicher über besagte aussichtslose Situation nach der Hinrunde (sechs Punkte) hinweg.
Ich denke schon, dass die Verpflichtung von Olaf Janßen der entscheidende Impuls von außen war, was bei anderen spektakulären Vereinsrettungen vielleicht jeweils der Trainerwechsel gewesen wäre. So können wir natürlich jetzt behaupten alles richtig gemacht zu haben, und sowohl in der Fanszene als auch im Verein dürften alle sehr froh sein, dass dies gemeinsam mit Ewald Lienen so ein gutes (Saison)Ende gefunden hat. Lienens positive Art, wie er bei Heim- und Auswärtsspielen die Fans immer mitgenommen hat, hat sicherlich dazu geführt, dieses „Wir-Gefühl“ und auch die Ruhe trotz der sportlichen Situation zu bewahren. Janßen hat dann (von außen betrachtet) die entscheidenden Hebel auf dem Platz bewegen können, so dass es eben am Ende zum Glück gereicht hat.

Gab es für dich eine sportliche Initialzündung, die für den damaligen Umschwung steht?
Vielleicht kann man umgekehrt anfangen: Das erste Saisonspiel war am Montagabend beim VfB Stuttgart. Nach einer furiosen ersten Halbzeit führten wir nur mit 1:0 und fangen dann quasi mit dem Schlußpfiff das 1:2. Der Anfang einer sehr unglücklichen Negativspirale, die durch Verletzungen, Spielpech und die ein oder andere unglückliche Elfmeterentscheidung am Ende zur tabellarischen Vollkatastrophe führte.
„Der eine Moment“ der Saison bleibt für mich das Heimspiel gegen Kaiserslautern. Es steht 0:0, es gibt Elfmeter gegen uns, unser Torwart Robin Himmelmann verletzt sich und der eingewechselte Philipp Heerwagen schafft es den Ball von Zoltan Stieber neben das Tor zu gucken. An jenem Abend blieb es beim 0:0, aber plötzlich war da wieder Hoffnung. Und dann kam neben Olaf Janßen mit Mats Møller Dæhli noch ein Leihspieler aus Freiburg, der auf dem Platz in der Rückrunde oft für uns den Unterschied ausmachte.
Unterm Strich bleibt das Erfolgsgeheimnis sicher, die Ruhe bewahrt zu haben. Im Präsidium, im Aufsichtsrat, im gesamten Verein, in der Fanszene. Und dann kam das Glück dazu, welches uns in der Hinrunde eben fehlte.

Ihr konntet den Lauf in die aktuelle Saison mitnehmen. Im Pokal hattet ihr allerdings in Paderborn das Nachsehen. Wie ist aktuell die Erwartungshaltung rund um den Klub?
Ach, Erwartungshaltung. In der 2.Liga kann man ja eigentlich nicht wirklich was erwarten, zumindest nicht seriös. Nach den letzten drei Jahren erhoffen wir uns alle, dass es einfach mal ’ne ganz entspannte Saison im Mittelfeld wird … und man die ein oder andere Pokalrunde mitnehmen würde, was ja nun schnell ins Wasser fiel.
Für die Liga ist der Start schon sehr wichtig und der zeigt nach zwei Spielen und vier Punkten zumindest mal vorsichtig in die obere Tabellenhälfte. Mit einem Sieg bei Euch setzen wir uns da erst mal fest und oft erzeugt sowas ja einen positiven Effekt, der einen durch die Saison trägt – und da es dieses Jahr keine Übermannschaft gibt, könnte es einen am Ende auch auf die Plätze 1 bis 3 tragen.
Mit einer Niederlage bei Euch steht man dann im Heimspiel gegen Heidenheim aber schon wieder unter Druck und muss aufpassen, nicht nach unten zu rutschen. Insofern: Die Erwartung nach der Rückrunde ist sicher, nicht erneut in akute Abstiegsgefahr zu geraten. Nicht mehr, nicht weniger.

Was zählst Du zu den Stärken des Teams und wo ist es verwundbar?
Mit der Verpflichtung von Sami Allagui haben wir mehr spielerische Qualität und vor allem Flexibilität gewonnen, denn letztes Jahr war Aziz Bouhaddouz eigentlich immer die einzige Spitze, jetzt spielen wir bisher immer mit zwei Spitzen. In der Rückrunde war auch die wiedergewonnene defensive Stabilität ein Trumpf, insbesondere mit Lasse Sobiech als Turm in der Schlacht. Allerdings haben wir nun gerade gegen Dresden und Paderborn jeweils zwei Gegentore kassiert und Sobiech droht bei Euch mit Brummschädel auszufallen. Insofern dürfte es für Euch genug Angriffspunkte geben.

Gibt es einen Spieler, der für dich aktuell unverzichtbar ist, und wenn ja, warum?
Tatsächlich am ehesten Lasse Sobiech, weil er eine so unfassbare Präsenz auf dem Platz hat und hinten alles wegschädelt. Offensiv sind wir aktuell so breit aufgestellt, dass jeder auch mal kurzfristig ausfallen kann und adäquat ersetzt wird. Neben Sobiech daher dann am ehesten noch das defensive Mittelfeld, wo Bernd Nehrig als Kapitän konsequent aufräumt und Christopher Buchtmann, der bisher alle drei Ligatore erzielt hat.

Bei St. Pauli denke ich persönlich an gesellschaftliches Engagement, klare politische Haltung und irgendwie auch an Popkultur. Was fällt Dir zu den Lilien ein?
Aytac Sulu und Jonathan Heimes … das Böllenfalltor … eine Freundschaft beider Skinhead-Fanclubs … ein Sonnenbrand und unser Klassenerhalt vor zwei Jahren, inklusive einer Umarmung mit diversen Spielern auf dem Feld und Ewald Lienen auf der Rückfahrt im Sonderzug.
Die Terminierung auf einen Freitag erlaubt es mir leider nicht, das Spiel live vor Ort zu sehen, ich wäre sonst gerne gefahren. In diesem Sinne: Schönes Spiel Euch allen und dann alles Gute für die weitere Saison!

Herzlichen Dank, Maik.


Auf die Ohren: Der aktuelle Lilien-Podcast

Am Montag waren zu viert und Daniel redete sich ob der Darbietung beim Pokal-Aus in Regensburg richtiggehend in Rage. Sogleich warfen wir das Personalkarussell an und spekulierten darüber, ob Felix Platte nun (zurück)kommt und wer für ihn würde weichen müssen: KLICK


Gleiche Liga, gleicher Spieltag: Die Saison 2014/15

Quelle: kicker

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Ein Gedanke zu “3. Spieltag (#d98fcsp): „In der 2. Liga kann man eigentlich nichts seriös erwarten.“

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