12. Spieltag (#d98ksv): „Wenn wir aus Versehen aufsteigen, ist das okay.“

Absteiger empfängt Aufsteiger und der Absteiger sieht angesichts der letzten Ergebnisse verdächtig alt aus. Während Holstein Kiel die 2. Bundesliga im Sturm genommen hat, sind die Lilien nach gutem Saisonauftakt ins Mittelfeld abgerutscht. Das Team mit dem besseren Lauf ist also der Gast, der am Dienstag im DFB-Pokal Bundesligist Mainz 05 lange forderte. 

So sieht’s aus:

4 Siege, 3 Untenschieden, 4 Niederlagen, 20:20 Tore. Die Bilanz des SVD könnte ausgeglichener nicht sein. Man könnte auch sagen, die 98er sind pures Mittelmaß. Ein unerwarteter Zwischenstand, belegten die Lilien doch noch Mitte September Platz 2. Punktgleich eingerahmt übrigens vom letzten und vom kommenden Gegner. Fünf Spieltage später ist Fortuna Düsseldorf auf 13 Punkte davongezogen, Holstein Kiel auf zehn! Ein fulminanter Einbruch der Lilien! Deshalb heißt es nun die Aufstiegsplätze abzuschreiben und den ganzen Fokus darauf zu verwenden, nicht ins letzte Tabellendrittel abzurutschen.

Dabei gab es bei der Partie in Düsseldorf am vergangenen Wochenende positive Ansätze zu verzeichnen. Die zweite Halbzeit sah die Lilien am Zug. Sie agierten konzentriert, gingen engagiert in die Zweikämpfe und drängten den Klassenprimus in dessen Hälfte. Einzig ein Tor sprang nicht heraus. Felix Platte &  Co. verstanden es aber auch nicht, sich entscheidend in Szene zu setzen. Darin besteht trotz der 20 Saisontreffer weiterhin ein Manko im Spiel der Darmstädter. Sie schaffen es viel zu selten, sich durch schnelles Kombinationsspiel oder Schnittstellenpässe in eine gute Abschlussposition zu bringen. Eine Ausnahme war die hochkarätige Chance von Jan Rosenthal in Hälfte eins, die er letztlich vergab. Und wenn irgendwann die Flankenbälle ausgepackt werden, dann tun sich die Angreifer gegen großgewachsene Innenverteidiger nicht unbedingt leichter.

Die Krux gegen Düsseldorf war allerdings mal wieder, dass die 98er ihrem Gegner Geschenke machten: Anstoß, Eckball, Gegentor! Noch keine 120 Sekunden waren gespielt und schon durfte Darmstadt den Ball aus dem Netz holen. Es bleibt unverständlich, wie sträflich frei Emir Kujovic am langen Pfosten einnicken durfte. So ungedeckt steht ein Spieler im Strafraum normalerweise nur beim Strafstoß. Die Lilien liefen jedenfalls erneut einem Rückstand hinterher, während die ohnehin schon selbstbewussten Fortunen ihr Spiel aufziehen konnten. Immerhin agierte der SVD nicht kopflos. Er arbeitete sich ins Spiel und bestimmte die Partie nach der Halbzeit. Der verdiente Lohn blieb freilich aus. Da konnte Fortuna-Coach Friedhelm Funkel im Nachgang noch so viel Lob an die 98er verteilen.

Positiv immerhin, die zuletzt arg gerupften Joel Mall und Patrick Banggaard fingen sich und agierten solide. Der junge Orrin McKinze Gaines II muss sich hingegen noch an das Niveau der 2. Bundesliga gewöhnen und war bis zu seiner Auswechslung in der Pause kein Faktor. Jamie Maclaren war als Joker in den letzten 15 Minuten allen vor an eins: unauffällig. So wurde einer schmerzlich vermisst: Tobias Kempe! Er beschwört oft genug Gefahr herauf und wenn es nur durch seine Standards ist. Kevin Großkreutz oder Markus Steinhöfer konnten ihn in dieser Hinsicht nicht ersetzen.

Immerhin gaben am Dienstag die Stadt Darmstadt und die Lilien den von der DFL geforderten Masterplan zum Umbau des Böllenfalltors in Teilen bekannt. Demnach soll das Stadion in mehreren Etappen bis Ende 2020 umgebaut werden. Dabei wird die Kapazität zwischenzeitlich auf 11.000 Zuschauer sinken, um im Endeffekt bei 18.603 zu liegen. Über einen Erbpachtvertrag kehrt das Stadion zudem wieder zurück zu den 98ern. (KLICK)

Doch zurück zu den sportlichen Aufgaben. Am Samstag geht es gegen Holstein Kiel, die in bester Jung Siegfried-Manier die Liga aufmischen. Vorne fallen die Tore wie reife Früchte und hinten steht das erfahrene Team oft genug kompakt. Wohin so ein Lauf führen kann, das wissen alle im und um den SV Darmstadt 98 nur zu gut. Auf welchem Weg sieht Pike vom Holstein Kiel-Podcast seine Störche?


Der Kontrahent hat das Wort:

Seit der letzten Saison mischt 1912fm (KLICK) in der Fußballpodcast-Szene mit. Dahinter verbergen sich mit Pike und Marc zwei langjährige Störche-Fans:

Die Lilien haben es vor drei Jahren vorgemacht, wie ein Underdog von der 3. in die 1. Liga durchmarschiert. Haben die Störche das Potenzial diesen Clou zu wiederholen?
Potenzial trifft es vielleicht nicht ganz. Ich glaube ehrlich gesagt, dass Darmstadt damals auch nicht das Potenzial dazu hatte, es aber dennoch geschafft hat. Klar, wenn man aktuell auf unser Spiel und unsere Ergebnisse schaut, dann spricht vieles dafür. Ziel oder Wunsch ist ein Aufstieg aber nicht. Wir genießen erstmal die 2. Liga und natürlich auch den Höhenflug, aber der kann schnell beendet sein. Dazu kommt, dass wir im Falle eines Aufstiegs nicht im eigenen Stadion spielen könnten. Und am Millerntor oder auf der Lohmühle will nun wirklich kein Kieler seine Heimspiele austragen. Hinzu kommt natürlich, dass die Vereine in der 2. Liga doch um einiges attraktiver sind, als die Vereine in der 1. Bundesliga. Wenn wir aus Versehen aufsteigen ist das okay, Ziel bleibt aber natürlich erstmal der Klassenerhalt.

Wäre die Stadionfrage wirklich ein Showstopper? Wenn die DFL bei den Lilien lange Zeit die Augen zudrückt, dann dürfte es doch auch für Holstein Möglichkeiten geben, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. Oder woran hakt es?
Der Punkt ist, dass das Holstein-Stadion jetzt schon zu wenig Plätze bietet. In der 2. Bundesliga benötigt man eigentlich 15.000 Plätze, das Holstein Stadion hat grob 3.000 Plätze weniger. Das Böllenfalltor ist da mit etwas über 17.000 Plätzen besser dran. Holstein hat schon aktuell eine Ausnahmegenehmigung und musste dafür viele Umbauten umsetzen. Ich bezweifle, dass wir in der 1. Bundesliga weiterhin eine Ausnahmegenehmigung bekommen. Der Bau einer neuen Tribühne, an der Stelle wo aktuell die alte Gästekurve ist, beginnt erst Mitte 2018. Das ist sehr knapp und eng.

Im Moment scheint es so, als ob niemand die KSV aufhalten könne. Ihr habt keine großen Namen im Kader, dafür aber zahlreiche erfahrene Zweit- und Drittligaspieler. Ist diese Routine gepaart mit torgefährlichen Angreifern Euer Erfolgsmix?
Ich glaube da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Wir haben eine gute Mischung in der Truppe, die jungen bunten Vögel werden stets von unseren gelasseneren Vollprofis auf dem Boden gehalten. Die Mannschaft ist eine eingeschweißte Truppe, die auch privat viel zusammen unternimmt und die Zugänge werden sofort und schnell integriert.
Sportlich haben die Neuzugänge in dieser Saison alle gezündet. Selbst wenn manche keine Startelfgarantie besitzen, funktionieren alle und können als sofortige Verstärkung angesehen werden. Hinzu kommt, dass ein Spieler wie Ducksch bei uns trifft, wie sonst noch nirgendwo. Allgemein ist es der absolut richtige Ansatz gewesen, die Aufstiegsmannschaft so gut wie komplett zusammen zu halten und nur gezielt mit einigen Neuzugängen zu ergänzen.

2015 verspielte Holstein den Zweitligaaufstieg auf den letzten Metern im Relegationsspiel bei 1860. Die negative Erfahrung hat den Klub offenbar nicht zurückgeworfen. Hättest Du damals gedacht, dass sich der Klub danach so weiterentwickelt?
Insgesamt betrachtet war es eigentlich gar keine negative Erfahrung. Dass wir die Relegation überhaupt erreicht hatten, war eine riesige Überraschung, die wir ohne den damaligen Trainer Karsten Neitzel nie erreicht hätten (Danke Kalle!). Die Vorsaison und der Kader sprachen absolut gegen das Erreichen der Relegation, doch Neitzel hat es geschafft eine wahre Euphorie in der Mannschaft und der Stadt zu verbreiten und so klappte alles. Zum Aufstieg fehlten ja auch nur noch ein bis zwei Minuten. Die letzte Saison wurde dann mehr schlecht als recht beendet: Platz 14 und nur fünf Punkte auf die Abstiegsplätze. Die Mannschaft wurde daraufhin komplett überarbeitet, viele Zu- und Abgänge gab es zu verarbeiten. Dass dies mit dem Aufstieg endet, war sicher nicht der Plan. 😀

Für den kicker sind die Störche das mit Abstand notenbeste Team der Liga. Unter den 25 am besten bewerteten Feldspielern sind alleine sechs Kieler. Wer sticht für dich aus der aktuell erfolgreichen Mannschaft heraus?
Also aktuell sticht die gesamte Mannschaft positiv heraus, jeder spielt absolut top. Wenn man aber jetzt jemand nennen MUSS, kommt man wohl nicht an Marvin Ducksch vorbei. Elf Spiele, neun Tore und drei Assists sprechen ganz klar für ihn. Dass er torgefährlich ist, hat er schon in der 3. Liga bewiesen, dass er allerdings in der 2. Liga noch eine Schippe drauf legt, konnte man wirklich nicht ahnen. Selbst an EA Sports ist das nicht vorbei gegangen und somit ist Marvin Ducksch der erste InForm FIFA Ultimate Team-Spieler in der Geschichte von Holstein Kiel.

Wenn Du Dir die bisherigen Auswärtsspiele vor Augen führst, welche Marschroute dürfte Holstein am Böllenfalltor verfolgen?
Wenn man sich die bisherigen Auswärtsspiele anschaut sieht man ja relativ schnell was das Ziel ist, drei Tore schießen 😉 Die Marschroute dürfte die gleiche sein wie in jedem Spiel: das Spiel dominieren und ein kontrollierter Spielaufbau. Die gesamte Mannschaft spielt mit nach hinten und sobald der Ball erobert wurde, findet ein blitzschnelles Umschaltspiel statt. Ein großer Vorteil ist dabei, dass wir auf den Außen (Schindler und Lewerenz) und in der Mitte (Drexler und Mühling) extrem spielstarke Spieler haben. Das macht uns extrem flexibel in unserem Offensivspiel.

Wie wird sich der Pokalfight in Mainz auswirken? Immerhin musste die Mannschaft über 120 Minuten gehen und zweimal einen Rückstand aufholen?
Das war natürlich nicht optimal. Sowohl Frankfurt (spielen am Freitag gegen Mainz), als auch Darmstadt bedanken sich wohl für das Spiel. Unsere Mannschaft bleibt ja direkt unten und bereitet sich auf das Darmstadt-Spiel vor. Da ist viel Regenaration angesagt. Einige Spieler von uns haben ganz gut was auf die Knochen bekommen und andere sind sogar schon angeschlagen ins Spiel gegangen. Ich glaube es wird dennoch nicht wirklich ein Leistungsabfall zu erkennen sein. Wir haben genug Alternativen im Kader und ein System das funktioniert, wenn sich daran gehalten wird. Dennoch kann man es natürlich nicht abstreiten, dass es schöner gewesen wäre, wenn das Spiel nach 90 Minuten zu Ende gewesen wäre oder wir erst am Sonntag wieder antreten müssten.

Abschlussfrage: Die Störche spielen gerade erst ihre vierte Saison in der 2. Bundesliga überhaupt. Wie groß ist die Euphorie rund um den Klub?
Gefühlt ist die Euphorie auf dem perfekten Level. Das Stadion ist voll, die Stimmung ist gut und in der Stadt ist Holstein Kiel wieder wer. Seit Ewigkeiten stand man im Schatten vom THW Kiel. Kiel war eine Handballstadt, das hat sich jetzt schon stark geändert. Man muss sich nicht mehr rechtfertigen, warum man zu Holstein geht. Dennoch haben die Fans und der Verein eine gesunde Auffassung auf die aktuelle Situation. Das Ziel ist und bleibt es sich in der 2. Liga zu etablieren. Es wird nichts überstürzt, es werden keine überteuerten Spieler verpflichtet oder direkt ein Stadion für 40 Millionen gebaut. Es wird intelligent gehandelt, kluge Transfers getätigt und erstmal nur eine neue Tribüne geplant statt gleich eine ganze Arena.

Pike, vielen Dank für Deine Antworten!


Auf die Ohren: Der Lilien-Podcast

Die Ernüchterung über den Saisonverlauf haben Kai, Daniel, Christian und ich noch nicht so richtig aus den Klamotten schütteln können. War unsere Erwartungshaltung an das Team etwa zu hoch oder darf man tatsächlich schon von einer Krise sprechen? (KLICK)


Gleiche Liga, gleicher Spieltag: Spieltag 2014/15

Quelle: kicker

Advertisements

Ein Gedanke zu “12. Spieltag (#d98ksv): „Wenn wir aus Versehen aufsteigen, ist das okay.“

  1. Pingback: 12. Spieltag (#d98ksv): „Wenn wir aus Versehen aufsteigen, ist das okay.“ | re: Fußball

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.