13. Spieltag (#ebsd98): „Mal bist du der Baum, mal der Hund.“

Wenn ein Relegationsteilnehmer (die Eintracht) auf einen Absteiger (die Lilien) trifft, dann könnte man meinen, dass man es mit einem Spitzenspiel zu tun hat. Weit gefehlt. Die beiden stecken auf den Plätzen 10 und 11 tief im Tabellenmittelfeld der 2. Liga fest. Wer auch immer am Samstag siegt, darf wieder nach oben schielen, wer jedoch verliert, dem droht die Abstiegszone auf die Pelle zu rücken. Und dann plagen beide auch noch Verletzungssorgen. Könnte ein reichlich verkrampfter Kick werden. 

So sieht’s aus:

Hey, hey. Am letzten Wochenende schafften die Lilien mal wieder ein Pünktchen auf ihr Konto. Nach drei Niederlagen infolge war das dringend notwendig, um den Sturzflug ein wenig abzubremsen. Und immerhin hat man die Punkte gegen das Topteam aus Kiel geteilt. Das beste Auswärtsteam kehrte zum ersten Mal seit Anfang August nicht als Sieger von einer Auswärtsfahrt heim. Erstmals schoss der Aufsteiger in der Fremde weniger als zwei Tore. Aytac Sulu & Co. hielten in letzter Konsequenz besser stand, als noch beim letzten Heimspiel gegen Nürnberg. Das 1:1 darf also durchaus als Teilerfolg gewertet werden. Einerseits.

Aaaaaandererseits gab das Spiel des SVD wieder Rätsel auf. Klar, Kiel ist aktuell eine Hausnummer in der Liga. Dennoch: Die Lilien führten früh mit 1:0 und dennoch brachte das Erfolgserlebnis – wie schon gegen Nürnberg – keine durchschlagende Sicherheit. Je länger das 1:0 durch Felix Platte Bestand hatte, desto mehr nahm der Gegner das Zepter in die Hand. Die Lilien überließen den Störchen zusehends das Mittelfeld und zogen sich weit zurück. Zu weit? Jedenfalls fiel noch vor dem Seitenwechsel der Ausgleich, bei dem der ansonsten starke Keeper Joël Mall chancenlos war.

Und nach der Pause? Da erspielten sich die Gäste zwar nicht allzuviele Gelegenheiten. Dennoch traten sie wie schon ab Mitte der 1. Halbzeit mit dem Selbstverständnis eines Spitzenteams auf. Sie hatten eine bessere Spielanlage, die Raumaufteilung und das Zusammenwirken der Spieler waren überzeugend. Die zweiten Bälle landeten immer wieder bei ihnen. Die Lilien hielten zwar dagegen, die spielerische Linie ging darüber aber komplett verloren, Ruhe und Übersicht inklusive.

Zum Schluss hin wirkte es gar reichlich konfus. Die Lilien verteidigten mit Mann und Maus um den eigenen Strafraum herum und droschen die Bälle nur noch blindlings heraus. Als Zuschauer fühlte man sich im falschen Film. Wer von den beiden Teams hatte nochmal 120 Pokalminuten in den Knochen? Keine Frage, die Gäste! Die setzten aber immer noch eifrig nach und den 98ern zu. Am Ende schafften es die Mannen von Torsten Frings immerhin einen Punkt festmachen. Dennoch fragen sich viele Fans, warum sich die punktetechnisch gut gestartete Mannschaft seit geraumer Zeit so schwer tut. Von Leichtigkeit keine Spur. Kampf und Krampf sind immer wieder ein treuer Begleiter in dieser Saison. Automatismen, eine überzeugende spielerische Handschrift und ein gut austariertes Mannschaftsgefüge werden auch nach einem Drittel der Saison immer noch vermisst.

Da liegt die Vermutung nahe, dass es sich um ein Kopfproblem handelt. Die Mannschaft merkt, dass sich so leicht kein Kontrahent ergibt, sondern ganz im Gegenteil respektlos auftritt. Die Spiele sind kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit und so verkrampfen die Lilien immer mehr. Dabei wollten sie doch eigentlich mit einem Ballbesitzfußball den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung tun. Stattdessen werden naheliegende Pässe nicht gespielt, der Ball wird zu lange geführt, das Spiel verschleppt. So lassen sich die Gegner gewiss nicht auseinanderdividieren. Heraus kommt ein SVD-Team, das nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzt. Es muss aufpassen, dass es sich nicht in einen Teufelskreis spielt, der es immer tiefer in Richtung Tabellenkeller zieht.

Für das Duell in Braunschweig haben die Lilien noch eine weitere Hypothek im Gepäck: Zu den bereits verletzten Tobias Kempe und Daniel Heuer Fernandes gesellte sich noch Felix Platte mit einem Muskelbündelriss. Zudem fehlt Hamit Altintop aufgrund einer Gelbsperre. Keine guten Vorzeichen, wo es gerade ohnehin schon nicht läuft. Da ist es ein wenig erleichternd, dass sich die Eintracht in einer ähnlichen Situation befindet. Sie ist hinkt bislang ihren Ansprüchen hinterher und kann am Samstag ebenfalls nicht aus dem Vollen schöpfen. Mehr weiß Eintracht-Fan Anna.


Der Kontrahent hat das Wort:

Anna hat es in kurzer Zeit geschafft auf Twitter zahlreiche Follower hinter sich zu scharen. Ihr Herz schlägt eindeutig im Löwentakt des Deutschen Meisters von 1967.

Anna, im Mai klopfte die Eintracht ans Tor zur Bundesliga, unterlag aber bekanntermaßen in der Relegation. Ihr wäret nicht der erste Klub, der in der Folgesaison schwerer in Tritt kommt. Wie zufrieden bist Du mit dem bisherigen Saisonverlauf.
Ich habe befürchtet und geahnt, dass es auch für uns schwierig würde. Nachdem wir zunächst mit einem 2:2 auswärts in Düsseldorf und eine Woche darauf mit einem Sieg zuhause gegen Heidenheim beruhigend gut gestartet waren, stimmten in den folgenden Wochen die Ergebnisse der Heimspiele nicht: Auswärts haben wir, bis auf das 3-Rote-Karten-Spiel in Regensburg, immer einen Punkt geholt. Auf fremden Plätze war also alles in Ordnung. Die Remis-Reihe zuhause, inklusive einer 0:2-Niederlage gegen St. Pauli, macht die Gesamtbilanz allerdings zu etwas, was hier aktuell niemanden so richtig zufrieden stellt. Natürlich: Die Ansprüche sind gewachsen, denn an Erfolg gewöhnt sich gern. Die meisten, die es mit der Eintracht halten, wissen aber auch, dass wir nicht in der Position sind, Ansprüche auf die ersten beiden Plätze zu hegen. Diese sind hier, zumindest realistisch betrachtet, nicht größer als die, die Union, Nürnberg oder Darmstadt erheben.

Anfang Oktober hatte ich mir angeschaut, wie die Zweitligateams so über die 90 Minuten hinweg abschneiden. Braunschweig wäre demzufolge nach Dreiviertel der Spielzeit Tabellenführer gewesen, fing sich zum Schluss aber häufiger ärgerliche Gegentore und ließ wertvolle Punkte liegen. Wie frustrierend war das?
Daran mussten wir uns erstmal gewöhnen, schließlich waren wir in der vergangenen Saison ja diejenigen, die in den letzten zehn Minuten des Spiels entscheidende Punkte holten, die in der Summe entscheidend dafür waren, dass wir uns überhaupt soweit oben halten konnten. Mal bist du der Baum, mal bist du der Hund. Derartiges Spielglück ist nichts, das du konservieren kannst. Darüberhinaus ist nur das Heimspiel gegen Sankt Pauli unverdient und unglücklich verloren worden. Alle anderen Treffer haben wir uns angekündigt und verdient gefangen – mir persönlich macht es das irgendwie leichter, sie hinzunehmen.

Trotzdem fängt Braunschweig vergleichsweise wenig Tore, schießt aber auch nicht so viele. Wo machst Du das größte Manko im Spiel der Eintracht aus?
Unsere Stürmer treffen nicht bzw. nur einer von ihnen – und der hat sich just verletzt: Christoffer Nyman, schwedischer A-Nationalspieler, Topcharakter und überragender Teamplayer. Nicht nur seine Tore fehlen, wenn er nicht spielt, sondern er im Gesamtgefüge des Spiels. Andere erfüllen seit längerem nicht die Hoffnungen, die wir in sie setzen: Julius Biada, vorletzte Saison von Fortuna Köln gekommen und Suleiman „Manni“ Abdullahi, den wir in der gleichen Tranferperiode von Viking Stavanger geholt haben. Der alte Haudegen Domi Kumbela ist verletzt und eh nicht in der Form, in der er uns letzten Herbst an die Tabellenspitze geschossen hat. Unser Sturm krankt also. Hinzu kommt die Launenhaftigkeit unserer Flügel, die für unser Spiel essentiell sind: Salim Khelifi war vor der Rotsperre, die er sich in Regensburg erspielte, in überragender Form. Von der war in den Spielen gegen Bochum und Dresden zuletzt allerdings nicht viel erkennbar. Die Mannschaft ist nicht selbstbewusst für kreativen, überraschenden Offensivfußball. Immerhin scheinen wir uns in den letzten beiden Partien defensiv wieder stabilisiert zu haben: Weder Bochum noch Dresden kamen in 90 Minuten zu nennenswerten Chancen. Das Tor, das Dynamo erzielte, fiel durch den Nachschuss nach einem Freistoß.

Derzeit hat das Team neben dem von Dir erwähnten Nyman mit Baffo, Boland und Kumbela ein größeres Lazarett an verletzten Stammspielern zu verkraften. Bedeutet das einen spürbaren Aderlass oder kann das Team die Ausfälle bislang kompensieren?
Wie eben schon angedeutet: Im Sturm gelingt uns das nicht. Wenn man sich die Daten der Spieler anschaut, fällt mit Nyman offensichtlich Torgefahr weg – aber auch Innenverteidiger Joe Baffo hat in den elf Spielen, die er gemacht hat immerhin drei Tore erzielt. Er hat zusammen mit Gustav Valsvik unser defensives Zentrum gebildet, das nach dem Abgang unseres unangefochtenen Abwehrchefs Saulo Decarli beruhigend stabil war. Steve Breitkreuz rückt nun an seine Position. In Dresden hatte er eine katastrophale Anfangsphase, stabilisierte sich aber zusehends. Ich hoffe, dass sein Spiel mit zunehmender Praxis souveäner wird. Mit Boland fehlt uns ein Spieler, der in der Rückrunde der abgelaufenen Saison wieder eine sehr wichtige Rolle im Mittelfeld gespielt hat. Quirin Moll ist, wie so viele andere auch, nicht in seiner Topform. Louis Samson, von Erzgebirge Aue im Sommer gekommen, ist mein Lieblingsneuzugang und macht das gerade in den Aktionen gegen den Ball wirklich gut. Aber er ist jung und neu im Team. Ich hoffe darauf, dass Patrick Schönfeld bald wieder soweit in Form ist, dass der Trainer ihn spielen lässt. Von dieser Spielerkombination im Zentralen Mittelfeld erhoffe ich mir viel.
Die Ausfälle treffen uns in der Summe in der Offensive am härtesten: Durch die Formschwäche der gesunden Stürmer und deren Alternativlosigkeit, hoffen wir Fans aktuell einfach, dass irgendjemand das Ding schon irgendwie über die verdammte Linie bugsieren wird.

Die Lilien strotzen derzeit nicht gerade vor Selbstvertrauen. Wie tritt die Eintracht normalerweise vor eigenem Publikum auf, mit anderen Worten: Worauf dürfen sich die SVD-Fans einstellen?
Wenn ich diese Frage beantworten könnte, ich wäre so froh! 😊 Die Eintracht ist launisch. Wir haben in den Wochen seit der Sommerpause überragende Halbzeiten gesehen, in denen dem Aufstieg und der anschließenden Deutschen Meisterschaft kein Fünkchen mehr im Wege stand. Aber auch katastrophale Halbzeiten wie in Kaiserslautern oder Duisburg. Da sich mit dem SV Darmstadt als Bundesligaabsteiger und irgendwie ja immernoch Aufstiegskandidat eine namhafte Truppe ankündigt, rechne ich zumindest mit der passenden Motivation unserer Truppe. Ich hoffe, dass wir aus der stabilisierten Defensive etwas mutiger nach vorne agieren und eventuell mal einer unserer offensiven Pechvögel den Ball ins Tor spitzelt. Ich halte es aber auch im Bereich des möglichen, dass geplant wird, die Drucksituation des SVD zu nutzen, den Gegner erstmal auf den Abwehrverbund zukommen zu lassen und irgendwann in Halbzeit zwei die Konter aufzudrehen. Wundertüte Eintracht. Ich bin auch gespannt!

Anna, herzlichen Dank für Deine Antworten.


Auf die Ohren: Der Lilien-Podcast

Oh, oh: Trübsal! Als Kai, Christian, Mike und Daniel am Montag über das Spiel gegen Kiel diskutierten, war die Stimmung alles andere als positiv. Und Anzeichen dafür, dass bald die Trendwende kommt, konnten die vier auch nicht ausmachen. KLICK


Gleiche Liga, gleicher Spieltag: Spieltag 2014/15

Quelle: kicker

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