Einwurf: Frings muss gehen. Es ist ein Jammer! Es ist konsequent!

Jetzt ist es passiert. Der Sportverein Darmstadt 1898 e.V hat seinen Trainer Torsten Frings entlassen. Er hinterlässt den Klub in einer veritablen sportlichen Krise. Als Bundesligaabsteiger mit 13 Punkten aus den ersten sechs Zweitligapartien hoffnungsfroh in die Saison gestartet, kamen in den nächsten elf Partien nur noch fünf (!) Pünktchen hinzu. Wer die Spiele des Teams seit Oktober mitverfolgt hat, der kommt nicht umhin zu sagen: Frings‘ Entlassung ist folgerichtig. Und dennoch ist es jammerschade, dass der Hoffnungsträger gescheitert ist.

Erinnern wir uns zurück. Die Weihnachtsplätzchen waren gerade verdaut, da stellte SVD-Präsident Rüdiger Fritsch am 27. Dezember 2016 Torsten Frings als neuen Cheftrainer vor. Ausgestattet mit einem Vertrag über anderthalb Jahre, hieß es für den ehemaligen Nationalspieler die Glut des Klassenerhalts möglichst lange am Glimmen zu halten. Die wahre Aufgabe bestand allerdings darin, den absehbaren Aufprall in der 2. Bundesliga bestmöglich zu bewältigen. Mit der Personalie Frings hatten sich die Verantwortlichen drei Wochen Zeit gelassen. Sie hatten ihre Lehren gezogen aus der gescheiterten Doppelspitze Holger Fach & Norbert Meier. Sie wollten einen jungen, hungrigen Coach, der die speziellen Gegebenheiten am Böllenfalltor zu nehmen weiß und sie wollten ihn wie Dirk Schuster als Trainer und Manager in Personalunion. Der Coach sollte den SVD unter den 36 besten Klubs in Deutschland etablieren und – nach ebenso erfolgreichen wie turbulenten Jahren – stabilisieren. Dieser Hoffnungsträger sollte Frings sein. Ihm zur Seite gestellt wurde Björn Müller, der mit einigen Vorschusslorbeeren vom DFB abgeworben wurde. Die Verantwortlichen hatten ihre Hausaufgaben gemacht, das Umfeld war positiv gestimmt.

Frühzeitige Ausrichtung auf Liga 2
Frings stellte die Weichen früh. Hamit Altintop und Sidney Sam trugen mit ihren Halbjahresverträgen noch das Etikett „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Die ebenfalls im Winter verpflichteten Patrick Banggaard, Markus Steinhöfer, Wilson Kamavuaka und Terrence Boyd durften hingegen schon als Vorgriff auf die sich abzeichnende Zweitligasaison gelten. Sie hatten Zeit, sich mit den Verhältnissen in Darmstadt vertraut zu machen und den Stil des Trainers kennenzulernen, um ab Sommer ein wirklicher Faktor zu sein. Dass sie schon in der 1. Bundesliga vermehrt mitwirkten, konnte dem Ganzen nur zum Vorteil gereichen.

Erstligaabschied
Wie gesagt, der Bundesliga-Abstieg war kein Beinbruch, sondern ganz klar eingepreist. Sicher, es hagelte unter Frings reichlich Niederlagen, aber er ließ einen anderen Fußball spielen. Es sah sogar ansatzweise nach Pass- und Kombinationsspiel aus. Die Lilien schienen sich spielerisch und taktisch weiterzuentwickeln. Das Highlight war das 2:1 gegen Borussia Dortmund, das mit Sicherheit eine der besten Leistungen in der Bundesliga-Historie der Lilien war. Mit 17 Punkten aus 18 Spielen las sich die Bundesliga-Bilanz von Frings akzeptabel, selbst wenn die Punkte erst spät purzeln sollten. Nach dem 2:2 bei Borussia Mönchengladbach wurde er von den mitgereisten Fans – mich eingeschlossen – gefeiert. Der Klub schien für die Zukunft gerüstet.

Namhafter Kader
Ein Eindruck, der sich in der Sommerpause verfestigte. Umso mehr, als der Kader nicht völlig auf links gedreht werden musste. Klar, mit Gondorf, Heller, Vrancic und Esser gingen namhafte Spieler, doch Frings konnte ebenso namhaft nachlegen: Kevin Großkreutz kam, Artur Sobiech kam, Felix Platte und Tobi Kempe kamen zurück und … Hamit Altintop blieb! Die Saisoneröffnung geriet zum Happening, als der wohl beste Fußballer der 98er seinen Verbleib erklärte.

Der lange Sinkflug in der Zweitliga-Hinrunde
Die ersten Spiele in der 2. Bundesliga waren zwar holprig, doch es war erkennbar, dass die Lilien auf dominantes Ballbesitzspiel aus waren. Die Ansätze aus Liga 1 sollten im Unterhaus ausgebaut werden. Da war sie also, die Handschrift des Trainers. Umso schöner, dass die nicht vollends überzeugenden Auftritte Zählbares brachten. Zehn Punkte aus vier Spielen, 13 aus sechs. In den Spielen im September (dem zweiten Hinrundenviertel) verlegten sich die Lilien dann auf ihre Offensiv-Wucht und Willensstärke. So retteten sie noch Spiele gegen Bielefeld, Heidenheim und Dresden. Der Teamgeist schien intakt, die Comeback-Qualitäten beruhigend. Bedenklich war allerdings, das Defensivverhalten. Gegentore fielen plötzlich wie reife Äpfel. Im dritten Hinrundenviertel lief es dann immer unrunder. Gegen Nürnberg stürmte das Team kopflos ins Verderben und die Verletzungen von Keeper Heuer Fernandes und Kempe brachten den SVD um ihre beständigsten Spieler. Vom Dauerverletzten Emotional Leader Peter Niemeyer ganz zu schweigen.

Viele Mitläufer, keine Leistungsträger
Ab dann nahm das Drama seinen Lauf: Die Lilien zeigten sich nur noch sporadisch als Herren des Geschehens. Und wenn sie dabei waren die Kurve zu kriegen, griff Joël Mall in der Nachspielzeit von Braunschweig kapital daneben und Jan Rosenthal köpfte in der letzten Sekunde des Spiels bei Union Berlin ein denkwürdiges Eigentor. Und Frings? Stellte sich lange vor sein Team, das sich immer mehr als Ansammlung von Mitläufern präsentierte. Leistungsträger waren weit und breit nicht zu sehen. Gerade die großen Namen zahlten Frings‘ Nibelungentreue nicht zurück. Hamit Altintop (gesetzt, obwohl er die Vorbereitung nicht bestritt) ist zu oft ein Schatten seiner selbst und verschleppt das Spiel eher, als dass er es gewinnbringend lenkt. Kevin Großkreutz wusste in zwei, drei Spielen zu überzeugen, ansonsten war man ab und an nach einer halben Stunde überrascht, dass er tatsächlich auf dem Platz stand.

Verzweifelte Aktionen
Als nichts mehr zusammenpassen wollte, als die Wucht ausblieb, als die Abwehr immer wieder alt aussah, als der Sturm auch nicht mehr traf, da ließ Frings nichts unversucht. Doch es wirkte von Mal zu Mal verzweifelter: Er nahm zwei Spieler noch vor dem Halbzeitpfiff vom Platz. Er stellte Keeper Nummer 3 ins Tor. Er beorderte den von ihm schon öffentlich abgeschriebenen Roman Bezjak in die Startelf. Er ließ Spieler geradewegs von der Startelf auf die Tribüne rotieren. Alles völlig wirkungslos. Und am Ende redete gar Präsident Rüdiger Fritsch den Spielern in der Kabine ins Gewissen. Mehr Aufrütteln ging nicht. Und weniger Ertrag ging auch nicht. Insofern ist Frings‘ Entlassung konsequent, selbst wenn die Spieler einen gehörigen Anteil an der Misere haben.

Frings sollte das Gesicht des neuen SVD sein
Doch sein Scheitern ist allen voran eines: jammerschade! Denn auf ihm lasteten alle Hoffnungen, die Lilien in eine neue Ära zu führen. Er passte nach dem Meier-Missverständnis mit seiner Art sehr gut ans Bölle. Er alleine schien wesentlich besser einen Kader zusammenstellen zu können, als Norbert Meier und Holger Fach im Doppelpack. Er galt als Arbeiter, so völlig ohne Allüren, was in Darmstadt sehr geschätzt wird. Er nahm die Aufgabe demütig an und so war ihm zuzutrauen, die 98er über die aktuelle Spielzeit hinaus auszurichten. Die zahlreichen langfristig verpflichteten Spieler, darunter auch Perspektivspieler, sprechen dafür.

Defizite, Defizite, Defizite
Was lief also schief? Frings schien zwar der passende Schlüssel ins SVD-Schloss zu sein, doch er klemmte zusehends. Der so namhafte Kader, der aufgrund seiner individuellen Qualität zu den besseren Teams hätte zählen können, brachte die PS nicht auf den Rasen. Zudem stehen fünf Angreifer im Team, die alle schon für ihre Länder international aufliefen, von denen aber meist nur einer spielt. Keine glückliche Konstellation, denn sie taugt dazu, Unruhe zu erzeugen. Der Ansatz in der 2. Liga Pass- und Kombinationsspiel zu praktizieren, ging nicht auf. Die Spielidee wurde denn auch mit immer weniger Konsequenz verfolgt. Leider fand sich kein überzeugender Plan B in der Schublade. Die Lilien sind für gegnerische Teams denkbar einfach auszurechnen. Was den Lilien aber vor allem abgeht, ist Dynamik. In der Defensive sind sie anfällig für Pässe in die Tiefe und rennen dann wie gegen Heidenheim, Nürnberg oder Aue hinterher. Nach vorne überfordern die Lilien keinen Gegner. Diese lassen sich jedenfalls von den bedächtig vorgetragenen Angriffen nicht aus der Ruhe bringen. Weite Bälle, die als Alternative eingestreut werden, werden a) nicht vom Stürmer festgemacht und b) landen die zweiten Bälle beim Gegner. Das Mittelfeld ist zu wenig präsent. Hinter der Spitze fehlt eine robuster, spielstarker Spieler und auf den Außen fehlt es an Kickern mit Tempo, die den Weg zur Grundlinie suchen. Die bevorzugt aus dem Halbfeld geschlagenen Flanken dürfen schon mit dem Verlassen des Fußes als Ballgewinn für den Gegner verzeichnet werden. Was die überspielten Gegner und die Anzahl der Sprints anbetrifft, dürften die 98er im Ligavergleich ziemlich weit hinten anzusiedeln sein. Hinzu kommen individuelle oder kollektive Aussetzer. So verabschiedete sich die komplette Mannschaft bei einem gegnerischen Freistoß in den Tiefschlaf (Regensburg), mit Sulu und Altintop ließen sich zwei Routiniers allzu leicht abkochen (Aue). Das ist Frings nicht anzulasten, passt aber ins Bild einer verunsicherten Mannschaft.

Für den Abstiegskampf bedingt gemacht
Diese Fehleranfälligkeit irritiert zusammen mit der Ideen- und Harmlosigkeit sowie der abhanden gekommene Wucht und Leidenschaft. Offenkundig gelang es auch Co-Trainer Björn Müller nicht, ordnend und strukturierend einzugreifen. So ist ein potenzielles gut aufgestelltes Team inzwischen mit dem Abstiegskampf konfrontiert. Das Schlimme ist, dafür scheint es augenscheinlich nicht gemacht. Ein beängstigender Teufelskreis, der auch Präsident Rüdiger Fritsch nicht verborgen bleiben konnte. So musste er in bester Martin-Schulz-Manier erkennen, dass kategorische Aussagen („Wir werden uns in der Winterpause insgesamt neu sortieren und vielleicht auch an der ein oder anderen Schrauben drehen. Damit meine ich nicht den Trainer!“) irgendwann nicht mehr haltbar sind.

Es steht viel auf dem Spiel
Torsten Frings stand 36 Spiele mit der Lilie auf der Brust an der Seitenlinie. Seine Quote steht bei kümmerlichen neun Siegen. Sein Punkteschnitt liegt bei unter einem Punkt. Zahlen, die seine Demission logisch werden lassen. Erschreckend! Enttäuschend! Und für die Lilien alarmierend! Nun ist der Aktionismus eingetreten, den man unter Frings hoffte, nicht so schnell buchstabieren zu müssen. Gefragt ist jetzt ein Feuerwehrmann, denn es zählt nur eins: Mitte Mai über dem Strich zu stehen! Ein Abstieg würde die Lilien dahin führen, von wo sie im Mai 2014 mit ihrem 4:2-Relegationssieg in Bielefeld so fulminant und mitreißend gestartet waren. Es wäre der nächste Jammer!

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