20. Spieltag (#fcspd98): „Unsere Heimbilanz ist bisher ja eher ein Desaster.“

Am Ende einer kuriosen „Englischen Woche“ geht es für den SVD passenderweise in die Stadt, die gerne mal als die englischste Deutschlands bezeichnet wird. Mit seinem engen Millentor und dem dort etablierten Roar hat der FC St. Pauli auch noch traditionell-englisches Flair zu bieten. Kein Wunder, dass die Lilienfans am Sonntag zahlreich vor Ort vertreten sein werden und natürlich hoffen, dass es wie im Dezember 2014 etwas zu holen gibt.

So sieht’s aus:

Der sportliche Auftakt in das Jahr 2018 verlief  denkwürdig. Nach dem Pausentee in der Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern wurde gar nicht mehr angepfiffen, da  Lautern-Trainer Jeff Strasser sich in notärztliche Behandlung begeben musste. Die beiden Fanlager bewiesen ein feines Gespür für die Situation und nahmen den Spielabbruch ohne Murren hin. Sie verabschiedeten vielmehr die beiden Teams – die noch einmal aus den Katakomben zurückgekommen waren – mit Applaus. Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass Jeff Strasser baldmöglichst wieder im Vollbesitz seiner Kräfte ist!

Sportlich blieben aus den 45 gespielten Minuten folgende Erkenntnisse hängen: Die Mannschaft steht unter Dirk Schuster deutlich tiefer. Die zwei Viererketten erwarten den Gegner ab der Mittellinie, während vorne die Offensiven Felix Platte und Jan Rosenthal den Gegner anlaufen. Dadurch war das Defensivverhalten zwar sehr diszipliniert und kompakt, aber auch recht statisch. Die Lücke zwischen den beiden pressenden Spielern und dem Rest war sehr groß, so dass Lautern keine großen Probleme hatte, in die gegnerische Hälfte zu gelangen. Nach vorne ließ das Spiel der Lilien den notwendigen Esprit vermissen, so dass Torchancen Mangelware blieben und den Zuschauern ein Duell zweier Kellerkinder geboten wurde, die in erster Linie Fehler vermeiden wollten. In puncto Ballbesitz (39 %) und Passquote (61%) nähern wir uns wieder den unter Schuster bekannten Quoten aus Erstligazeiten an. Ein krasser Unterschied zur Hinrundenbegegnung in Lautern, als die Lilien 69 % Ballbesitz aufwiesen und 82 % der Pässe an den Mann kamen.

Personell bot Dirk Schuster dreieinhalb Neuzugänge auf. Romain Brégerie stellte mit Aytac Sulu die Innenverteidigung. Joevin Jones besetzte den linken Flügel und Slobodan Medojevic bildete mit dem lange Zeit verletzten Rückkehrer Peter Niemeyer das Mittelfeldzentrum. Alle deuteten an, dass sie dem Team weiterhelfen können. Genauso interessant war es, wer überhaupt nicht im Kader stand: Romuald Lacazette und Julian von Haacke haben wie schon unter Frings keine Aussicht auf nennenswerte Einsatzzeiten. Das ließ der Coach gegenüber den Medien durchblicken. Ebenfalls außen vor war der zuletzt angeschlagene Roman Bezjak, der allerdings seine Chance noch erhalten soll. Patrick Banggaard scheint fürs Erste Innenverteidiger Nummer 4 zu sein und Marvin Mehlem fand sich nach 16 Partien unter Frings ebenfalls auf der Tribüne wieder. Wilson Kamavuaka war leicht verletzt, Yannick Stark gesperrt. Bei beiden bleibt es abzuwarten, wie stark Schuster auf sie setzt und ob sie gegen St. Pauli in den Kader rotieren.

Der FC St. Pauli startete am Donnerstagabend in Dresden erfolgreich in die zweite Saisonhälfte. Beim 3:1-Sieg entführte das Team von Neu-Trainer Markus Kauczinski alle drei Zähler. Mit nun 27 Punkten darf der nächste Kontrahent der Lilien wieder ein wenig nach oben schielen. In puncto Ballbesitz und Passquote schnitten die Hamburger nicht besser ab als die Lilien, sie spielten aber auch auswärts und waren aufgrund ihrer frühen Führung nicht darauf angewiesen, etwas fürs Spiel zu tun.

Im direkten Duell gegen den SVD wartet St. Pauli seit drei Spielen auf einen Sieg und Torerfolg. Auch Kauczinski war es zu seiner Zeit als KSC-Trainer mit seinem Team in den letzten beiden Aufeinandertreffen nicht gelungen, ein Tor gegen die 98er zu erzielen. Mal sehen, ob diese aus Liliensicht positive Statistik am Sonntag seine Fortsetzung findet.

UPDATE (11:28 Uhr): Die Lilien haben eben vermeldet, dass sie Dong-Won Ji von Schusters Intermezzo-Klub FC Augsburg ausleihen. Damit erhöht sich hoffentlich die Variabilität im Offensivspiel der 98er. Er dürfte mit Rosenthal und Mehlem um den Platz hinter den Spitzen konkurrieren, was sich insbesondere auf Mehlems Einsatzchancen negativ auswirken dürfte. Eventuell muss nun noch ein weiterer Offensiver den SVD zumindest leihweise verlassen. Infos zur Leihe von Ji gibt es auf der SVD-Homepage und hier geht es zu Jis Profil bei Transfermarkt.de.


Der Kontrahent hat das Wort:

Maik, mit dem ich bereits vor dem 3. Spieltag sprach, stieg 2001 in die Redaktion des FC St. Pauli-Fanzines „Der Übersteiger“ ein.  Seit 2015 fokussiert er sich mit anderen Mitstreitern auf den daraus entstandenen Blog und den MillernTon-Podcast.

Maik, wenn man sich die Hinrundenbilanz ansieht, dann stand St. Pauli auf Platz 10 mit sechs Siegen, sechs Unentschieden und sechs Niederlagen. Solides Mittelmaß also. Stutzig macht einen allerdings das Torverhältnis von 18:29. Wie kommt’s?
Zunächst muss man natürlich festhalten, dass man nach den letzten Jahren mit „gesundem Mittelmaß“ leben kann, auch wenn sicher viele nach der guten Rückrunde letztes Jahr mehr erhofft hatten und auch mehr drin gewesen wäre. Die Torbilanz kommt ganz einfach daher, dass wir keine Mannschaft „wegspielen“ können. Mit dem 2:0 in Braunschweig und dem 3:1 gestern in Dresden gab es nur zwei Siege, die mit mehr als einem Tor Unterschied ausfielen – und wenn man ehrlich ist, war der Erfolg in Braunschweig auch noch sehr glücklich. Umgekehrt haben wir in zu vielen Spielen nach dem Rückstand die Mannschaft zumindest ergebnistechnisch auseinanderfallen gesehen, mit den unrühmlichen Höhepunkten beim 0:4 in Fürth und dem 0:5 in Bielefeld.

Im Sommer schien es noch so, als ob alles in der Spur sei. Ewald Lienen wechselte auf den Posten des Technischen Direktors. Mit Olaf Janßen rückte der an der starken Rückrunde nicht ganz unbeteiligte Co-Trainer auf den Cheftrainerposten. Kannst Du dessen Entlassung verstehen und was ist ihm rückbetrachtend anzukreiden?
Ich bin generell kein Freund von Trainerentlassungen, Veränderungen fallen mir immer noch schwer – da bin ich durch meine Bremer Vergangenheit und die Jugend unter Otto Rehhagel sicher geprägt. Und man hat mit Ewald Lienen in der Vorsaison ja auch gezeigt, dass es andere Wege zum Erfolg gibt. Allerdings war die Position von Janßen im Verein sicher nicht annähernd mit der von Lienen zuvor vergleichbar – und nach einer Erfolglosserie dann auch noch ein 0:4 und ein 0:5 folgen zu lassen, das war dann einfach zuviel.
Ich bin nicht der große Taktikfuchs, aber die Mannschaft hat ganz offensichtlich nicht das umsetzen können, was Janßen von ihr wollte. Inwieweit dies die Schuld der Spieler oder eben seine Schuld war, sollen andere beurteilen. Sicher spielte auch das Verletzungspech mit rein, außerdem hatten einige Spieler nicht annähernd die Form der Vorsaison. Zum Ende hin versuchte er dann noch die letzten Patronen zu verballern (Training in den Morgenstunden etc.), als dies dann aber nur zum 0:5 in Bielefeld führte, war es wohl selbst ihm klar, dass etwas passieren muss. Und dies ist im Profifußball eben in den allermeisten Fällen ein Trainerwechsel.
Zumindest verlief die Trennung ohne schmutzige Wäsche und es dürften ihm wohl alle hier viel Erfolg bei seiner neuen Aufgabe mit Viktoria Köln wünschen.

Markus Kauczinski steht nun an der Seitenlinie. Wie lautet Deine Einschätzung zu ihm?
Die bisherigen drei Spiele lassen da sicher noch keine fundierte Beurteilung zu. Immerhin hat er mit vier Punkten vor Weihnachten den freien Fall stoppen können, was dann auch zu einer relativ ruhigen Arbeit in der Winterpause führte. Ich persönlich hab ihn aus seiner Karlsruher Zeit sehr positiv in Erinnerung, andere stöhnten bei seiner Verpflichtung eher auf. Bevor er nicht beim MillernTon zu Gast war, heißt es aber eh abzuwarten.

Nach der Winterpause betrug der Abstand auf die Abstiegszone fünf Punkte, nach vorne waren es neun. Wohin sollte St. Pauli Deines Erachtens seinen Blick richten?
So phrasenschweinmäßig es auch klingt: Von Spiel zu Spiel. Diese Saison kann wohl mal wieder jedes Team gegen alle anderen ebensogut gewinnen wie verlieren, lediglich Lautern machte da bisher eine Ausnahme. Da es keinen Überflieger gibt, ist man bei zwei bis drei Siegen schnell oben dran, bei zwei bis drei Niederlagen geht es aber ebenso schnell in die andere Richtung.
Ganz abgeschrieben ist das Derby in der Relegation gegen unseren Nachbarn noch nicht, wie auch umgekehrt ein Wiedersehen mit unseren „Freunden“ aus Rostock in der Relegation nach unten. Ich erwarte allerdings momentan eher eine Endplatzierung im Mittelfeld.

Mit welcher Marschroute dürfte der FC St. Pauli am Sonntag vor heimischen Publikum ins Spiel gehen und welchen Spielern wird dabei eine besondere Rolle zukommen?
Unsere Heimbilanz ist bisher ja eher ein Desaster, das 2:1 vor Weihnachten gegen Bochum war erst der zweite Heimsieg. Da aber auch Darmstadt uns sicher nicht den Gefallen tun wird, alles bedingungslos nach vorne zu werfen, dürfte es – wie so oft – darum gehen, hinten sicher zu stehen und vorne eben die eine Chance zu nutzen, die sich irgendwann bietet.
Durch den Ausfall von Christopher Buchtmann in der Zentrale ist Mats Møller Dæhli wohl die aktuell wichtigste Person, die zum Glück in der Vorbereitung auch zumindest zum Ende hin voll mitmachen konnte, wenngleich er gegen Dresden noch einmal passen musste. Und dann gilt es eben unser auf dem Papier so wohlklingendes Sturmduo Allagui/Bouhaddouz endlich in die Spur zu bringen – oder sie von Jan-Marc Schneider überholen zu lassen. Der in der Hinrunde wichtigste Spieler war aber Lasse Sobiech, der hinten drin einfach eine Bank war.

Viele Lilienfans werden bereits am Samstag nach Hamburg kommen. Hast Du ein paar Tipps, wo es sich am Samstagabend, sowie vor und nach dem Spiel ganz gut und ohne Stress aushalten lässt?
Das dürfte sehr abhängig vom Typ sein. Unsere Skinheads sind ja mit Euren gut befreundet, da dürfte es Samstag im Jolly Roger (Budapester Straße) sicher eine gemütliche Runde geben. Ansonsten sollten sich Interessierte sehr gerne am Samstag ab etwa 18.15 Uhr vor der Südkurve einfinden, wo ab 18.30 Uhr mit der Kranzniederlegung die jährliche Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag stattfindet, mit anschließendem Vortrag in den Fanräumen. Vereinsfarben muss man zu dem Anlass aber natürlich nicht zwingend präsentieren.
Die Fanräume sind, ebenso wie der Fanladen, in bzw. unterhalb der Gegengeraden beheimatet und auch vor und nach dem Spiel ein gern gewählter Anlaufpunkt. Da ist dann – bei ansonsten normalem Verhalten – auch der Gästeschal kein Problem.
Wer sich lieber etwas ruhiger aufhalten möchte, dem stehen im Stadtteil und im Rest der Stadt natürlich abseits des Stadions genug Möglichkeiten dafür zur Verfügung.

Maik, herzlichen Dank für die Einblicke und Tipps, die Du geben konntest.
Sehr gerne, Danke für die Einladung und natürlich auf ein schönes und stimmungsvolles Spiel!


Auf die Ohren: Der Lilien-Podcast

Nach der Lautern-Partie haben wir bei „Hoch & Weit“ keine Extra-Ausgabe eingeschoben. Dafür war ich am Morgen des Kaiserslautern-Spiels bei Michael in der Millernton-Reihe „Vor dem Spiel“ zu Gast und beantwortete seine Fragen zu den jüngsten Entwicklungen bei den Lilien: KLICK


Gleiche Liga, gleicher Spieltag: Saison 2014/15

Quelle: kicker

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