21. Spieltag (#d98msv): „Ein recht sorgloser Haufen hat plötzlich gelernt zu verteidigen.“

Der 21. Spieltag führt den Aufsteiger aus Duisburg ans Böllenfalltor. Wie ein Aufsteiger spielen die Westdeutschen allerdings schon lange nicht mehr. Nach zähem Rundenstart, kamen sie immer besser in Fahrt und führen aktuell das breite Tabellenmittelfeld an. Den Anschluss an eben jenes wollen die Lilien halten. Der Sieg in St. Pauli war da schon einmal das richtige Zeichen.

So sieht’s aus:

Als Lilien-Fan schöpft man wieder Hoffnung. Das 1:0 beim FC St. Pauli bedeutete den ersten Dreier nach vier langen Monaten. Die Mannschaft trat als Einheit auf, die zwar nicht fehlerlos agierte, aber mit viel Leidenschaft. Damit ist eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Abstiegskampf gegeben und Dirk Schuster scheint diesbezüglich beim Bundesligaabsteiger die Reset-Taste gefunden zu haben. Wenn dann mit Daniel-Heuer Fernandes noch ein glänzend aufgelegter Keeper dazu kommt, umso besser. Die Neuzugänge bestätigten ihren Eindruck vom abgebrochenen Lautern-Spiel. Egal ob Joevin Jones, Romain Brégerie oder Slobodan Medojevic, sie alle brachten sich ein und die Lilien-Elf scheint sich weiter zu stabilisieren. Selbst Dong-Won Ji durfte gerade einmal 50 Stunden nach seiner Verpflichtung von Anfang an ran und machte spätestens in der zweiten Hälfte in einigen Szenen auf sich aufmerksam. So war er robust im Kopfballspiel und zwei- bis dreimal in der Lage einen Gegenspieler im Flügelspiel stehen zu lassen. Zudem sammelte der zweite Südkoreaner im Lilien-Dress nach Bum-Kun Cha mit seinem Assist zu Joevin Jones‘ Siegtreffer seinen ersten Scorer-Punkt.

Angesichts der neuformierten 98er gibt es natürlich noch ein paar Baustellen. Die Defensive war nicht immer sattelfest, aber längst nicht mehr so anfällig wie über weite Strecken der Hinrunde. Dennoch sollte ein Chancenplus von 17:7 für die Kontrahenten künftig vermieden werden. Gerade in der ersten Hälfte ließen die Lilien durch vermeidbare Fouls immer wieder Freistoßsituationen zu, die unnötig Gefahr heraufbeschworen. Und das Offensivspiel darf gerne geradliniger werden. Einige Male verschlief der Ballführende vielversprechende Umschaltsituationen und auch Felix Platte dürfte sich freuen, wenn er sich nicht alleine gegen zwei bis drei Kontrahenten beweisen muss. Aber: St. Pauli hatte sich zuvor formstark präsentiert, weshalb man dort erst einmal bestehen muss. Und das haben die Lilien mit Glück und Geschick. Der Kontakt ans breite Mittelfeld ist da und nach hinten wuchs der Abstand ein klein wenig an. So darf das weitergehen. Ganz egal bei welchem Wetter. Denn sollte es am Sonntag tatsächlich schneien, dann bleibt zu hoffen, dass die Lilien ihre Lehren aus dem unterirdischen Schnee-Kick gegen Regensburg gezogen haben.

Nicht mehr an Bord sind Innenverteidiger Patrick Banggaard, der leihweise bei Roda JC Kerkrade anheuerte, und Roman Bezjak. Auch unter Lilien-Trainer Nummer 3 genoß der teuerste Neuzugang der Klubgeschichte kein Vertrauen. Folglich wurde die Zusammenarbeit endgültig beendet und der Slowene läuft fortan für Jagiellonia Białystok auf.


Der Kontrahent hat das Wort:

Wenn vom MSV die Rede ist, dann ist zumindest in Fankreisen der Gedanke an Trainer Baade nicht weit. Schön ihn, der inzwischen in sein 14. Bloggerjahr geht, wieder zu seinem Klub befragen zu dürfen.

Trainer Baade, Glückwunsch! Der MSV ist auf dem besten Wege frühzeitig den Sack zuzumachen. Nur noch zehn Punkte aus den letzten 14 Partien und ihr bleibt der Liga mit Sicherheit erhalten. Traust Du als skeptischer Zeitgeist dem Braten schon ein wenig?
Ach, naja, erstmal würde ich ganz in der Tradition von Torsten Wieland vom Schalker  Königsblog  Glückwünsche zu irgendwas Sportlichen mit dem MSV eigentlich nicht so gerne annehmen. Ich hab ja nicht selbst mitgespielt und auch nicht den Kader zusammengebaut. Um hier aber nicht allzu miesepetrig zu erscheinen sag ich trotzdem „Danke“.
Ich bin mir ja ziemlich sicher, dass 38 Punkte auf jeden Fall reichen werden, in der Regel sogar 37. Insofern sind wir nur noch zwei Siege und ein Remis aus den verbleibenden 14 Spielen vom Klassenerhalt entfernt. So viele Abstürze – zuletzt Würzburger Kickers, früher mal der 1. FC Saarbrücken – man auch miterlebt haben mag, dazu kann es eigentlich nach menschlichem Ermessen angesichts der Qualität der Auftritte des Teams jetzt nicht mehr kommen. Insofern traue ich dem Braten tatsächlich, aber weniger aufgrund der reinen Punktzahl, sondern wegen der Gesamtauftritte, vor allem seit der Länderspielpause im Herbst 2017.
Danach war Schluss damit, Schießbude der Liga zu sein und aktuell hat MSV-Torhüter Mark Flekken sogar die meisten Zu-Null-Spiele der gesamten Liga absolviert (nämlich acht). Und das nach einem hanebüchenen 1:6 gegen den 1. FC Nürnberg und weiteren Heimniederlagen mit vielen Gegentoren, wie ja auch gegen Euch in der Hinrunde.
Natürlich muss man diese zwei bis drei Siege jetzt erst noch einfahren. Und
zurücklehnen darf man sich auf keinen Fall (drei Euro ins Phrasenschwein). Aber schaut man auf die Tabelle, sieht man, dass wir außer gegen Darmstadt 98 eigentlich nur gegen Topteams in der Tabelle verloren haben. Das macht das alles im Rückblick auch noch weniger dramatisch.

Du hattest mir vor der Hinrundenpartie berichtet, dass sich vieles besser anfühlen würde als in der Abstiegssaison vor zwei Jahren. Wie hat sich der MSV seither weiterentwickelt
Die Entwicklung ist in fünf Worten zusammenzufassen: Stoppelkamp, Fröde, Tashchy, Souza, Nauber. Fünf Leute, die alle ablösefrei vor der Saison kamen und alle Stammspieler wurden. Riesiges Geschick von Manager Ivo Grlic. Und vor der Drittligasaison muss man noch die Namen Flekken im Tor und Schnellhardt im Mittelfeld nennen, die ebenfalls jetzt zum Stamm gehören. Man spielt also mit mehr als nur einer halben neuen Mannschaft im Vergleich zur Zweitligasaison vor zwei Jahren.
Stoppelkamp spielt wohl die Saison seines Lebens, Nauber zeigt, dass er vielleicht doch noch in seiner Karriere nach Höherem streben kann und Schnellhardt kommt auch so langsam wieder in alte Form. Flekken ist ein sicherer Rückhalt, der noch dazu mit dem Fuß ziemlich solide ist, was man hier so noch nicht gesehen hat.

Welche Spielidee zeichnet das Team aus?
In der Spielanlage hat Trainer Gruev nach anfänglichem Hurra-Stil, der etliche Male in die Hose ging, obwohl man ein Chancengleichgewicht hatte, eine bessere Balance gefunden. Alle sind etwas defensiver, auf Absicherung orientiert. Jetzt hat man eben keine 18 Torschüsse für sich pro Spiel, sondern nur noch sechs, holt dafür aber die Punkte. Allerdings hängt alles doch stark an den genannten Personen. Sollte Nauber mal ausfallen, wäre das nicht zu ersetzen, dasselbe gilt für Stoppelkamp oder Schnellhardt, jedenfalls für mehr als eine einzelne Partie. Ahmet Engin hat sich als ziemlich schneller Mann auf Außen etabliert, aber da auch zuletzt wieder Verteidiger Wolze aus dem Spiel heraus traf, würde ich sagen, dass das Plus des MSV momentan eigentlich ist, dass es nicht den einen Weg gibt, wie nach vorne der Erfolg gesucht
wird. Im Notfall mal lang auf den Prellbock Onuegbu, ansonsten aber meist spielerisch und mit vielen Vorstößen über Außen, was dann nicht zuletzt nach zweiten Bällen immer wieder Chancen eröffnet.
Bei Stoppelkamp stimmen zwar die reinen Kennwerte (sechs Tore sind ok), er macht aber etliche Wege und Dribblings, bei denen man den Eindruck bekommt, dass er selbst nicht weiß, wo er eigentlich hinwill. So lange er ab und zu mal durchkommt, soll das okay sein, aber er betreibt sehr viel Aufwand für sein Spiel. Dennoch nimmt man ihm das Herzblut (ist nur unweit des Duisburger Stadions aufgewachsen und hat in der Jugend beim MSV gespielt) ab und merkt es seinem Spiel auch an. Schade, dass er schon so alt ist und nicht mehr allzu lange solche Wege wird gehen können. Und wie eingangs erwähnt, ist er eben nicht der einzige, der für diese viel bessere Spielweise sorgt.

Keeper Mark Flekken hat in dieser Zweitligasaison am meisten seinen Kasten sauber gehalten. Wie schätzt Du ihn ein?
Seinen Anteil an den Erfolgen kann ich nur schwer einschätzen. Als es Gegentore hagelte, war er wirklich fast immer chancenlos, jetzt bekommt er kaum Gelegenheiten, mal etwas zu zeigen. Aber psychologisch ist es fürs Team wohl nicht ganz unwichtig, jemanden hinten drin zu haben, von dem man zumindest annimmt, dass er im Fall der
Fälle zur Stelle wäre.

Was gibt es zu Trainer Ilia Gruev zu sagen? Er kam während der Abstiegssaison vor zwei Jahren auf den Trainerposten und führte den MSV gleich wieder zurück und jetzt in ruhiges Fahrwasser?
Sollte man das aktuelle Hoch des Clubs tatsächlich an einer konkreten Person festmachen wollen, dann muss man Gruev nennen. Natürlich bin ich weder beim Training noch in der Kabine dabei und ein rhetorischer Meister wird er nicht mehr werden. Aber er ist souverän und seriös in seinem fußballbezogenen Auftreten und ihm gingen die Gäule nur durch, als der letztjährige Aufstieg tatsächlich feststand (Hier ein Beweisbild: KLICK). Ansonsten scheint er die richtige Ansprache für die Mannschaft zu finden und tatsächlich taktisch nach den vielen hohen Niederlagen so umgestellt zu haben, dass auch ein zuvor recht sorgloser Haufen an Spielern plötzlich – erfolgreich! – zu verteidigen gelernt hat.

17 Punkte away from home, darunter fünf Siege, die oftmals ohne Gegentor eingefahren werden konnten. Der MSV fühlt sich auswärts pudelwohl. Wie hat man sich das vorzustellen? Hinten kompakt stehen und vorne hilft ein wenig der liebe Gott oder Druck ausüben und munter mitspielen?
Da muss man vielleicht die einzelnen Siege jeweils anders bewerten. Bielefeld (4:0) und Bochum (2:0) hatten jeweils ihrerseits rabenschwarze Tage erwischt. Bielefeld stümperte von Fehler zu Fehler, Bochum fehlte völlig das Selbstvertrauen. Da hätte auch jede andere funktionierende Mannschaft gewonnen. Dazu das 1:0 beim Letzten 1. FC Kaiserslautern, bei dem aktuell ja auch quasi jeder gewinnt. Das 2:1 in Heidenheim war mit viel Glück verbunden und hätte auch ein Remis sein können. Und in Sandhausen (1:0) war es das wohl einzige Spiel, in dem der MSV völlig unverdient punktete. Insofern ist diese Auswärtsstärke vielleicht doch eher eine Schwäche der Gegner, bzw. man war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.
Dennoch stimmt es, man tut sich eigentlich schon seit Jahren auswärts leichter, was ja nun mal nicht mit dem konkreten Personal erklärt werden kann. Ich habe keine treffende Erklärung, außer dass man eben viel abwartender spielen kann und wenn man nur lange genug den Gegner vom Tor fern hält, dann kommt man auch irgendwann mal zu eigenen Chancen. Onuegbu mag langsam wirken, ist aber dennoch ein guter Konterspieler, während Schnellhardt oder Stoppelkamp zwar Geschwindigkeit fehlt, nicht aber Finesse und auch ein wenig Cleverness im Abschluss (außer, falls Stoppelkamp Elfmeter schießt). Dass das Heimpublikum in Duisburg zu viel Druck erzeugt, mag ich mir nicht vorstellen. Das hat sich nämlich total anders entwickelt als noch vor einigen Jahren, als man sehr schnell mit Pfiffen bei der Hand war. Seit dem Lizenzentzug ist das völlig anders, immer noch. Aber zu Hause einen kompakten Gegner zu knacken, da tun sich eben viele Mannschaften mit schwer – und wenn Schnellhardt keinen Sahnetag hat und der ja leider bei euch gesperrt ist, wird es auch für die Duisburger immer wieder schwer.

Nun geht es ans Bölle. Du hast schon vor dem Spiel in der Hinrunde den Lilien keine Rolle im Aufstiegsrennen zugetraut. Nach unserem Sieg bei euch gab es dann in der Ära Torsten Frings nur noch einen weiteren Sieg. Dass es so den Bach runter geht, hättest Du wohl nach der Partie auch nicht erwartet, oder?
Natürlich nicht, zumal ich die Verstärkungen für so gut hielt, dass man zumindest niemals in Abstiegsnähe kommen würde. Dass Frings nicht der Mann sein würde, der aus einem mediokren Kader Gold macht, war aber eh schon ziemlich klar, ohne irgendjemandem hier zu nahe treten zu wollen. Die Rückkehr zu Dirk Schuster wird wahrscheinlich eine der besten Entscheidungen der letzten Monate gewesen sein. Da Liga 2 aber weiterhin äußerst eng ist, nur fünf Punkte bis Rang neun und ihr noch das Nachholspiel in der Hinterhand habt, wird es sicher für Euch bis zum Ende spannend und alles möglich sein, im positiven wie im negativen Sinne. Was jetzt nicht so gönnerhaft von oben (in der Tabelle) herab klingen soll, auch wir müssen erstmal noch einige Punkte einsammeln.

Wie ist Dein konkretes Gefühl für das Spiel am Bölle? Der MSV kann herrlich befreit aufspielen und seinen Lauf – 22 Punkte aus den letzten elf Spielen – ausbauen.
Ich muss zugeben, dass ich ausgerechnet unsere letzte Niederlage, das 0:4 in Regensburg, nicht gesehen habe. Da hab ich wohl Glück, dass meine Eindrücke von diesem Ausrutscher ungetrübt sind. Mein Gefühl ist natürlich gut, aber man darf nicht vergessen, dass man in Bochum gegen eine völlig verunsicherte Mannschaft gewann und gegen Heidenheim zu Hause auch nur mit Mühe einen Punkt holte. Selbstläufer gibt es für den MSV als Aufsteiger trotz Bestform nicht.
Insofern wäre ich mit einem Punkt wiederum zufrieden. Je nach Spielverlauf würde ich mir – diesmal aber durchaus realistisch und nicht mit der Fanbrille gesehen – auch einen Sieg erhoffen. Wobei ich mal wieder überhaupt nicht weiß, wie die Lage bei Euch ist. Die Tabelle kann ich natürlich auch lesen, aber das sagt mir wenig über die Stimmung, die durch das 1:0 bei St. Pauli sicher ein wenig Auftrieb erhalten hat. Müsste ich wetten, würde ich doch tatsächlich auf einen Sieg des MSV setzen – aber zum Glück wette ich nie.

Trainer, wie immer besten Dank für Deine Ansichten!
Herzlich gerne und gerne wieder. Wir werden sehen, was die 90 Minuten am Bölle bringen werden. Ich bin gespannt.


Auf die Ohren: Der Lilien-Podcast

Wie nicht anders zu erwarten, waren wir nach dem Sieg bei St. Pauli ganz gut drauf, wenngleich Daniel noch ein wenig die Auswärtsfahrt in den Knochen steckte. Er, Mike und ich berichteten über unsere Eindrücke aus Hamburg und natürlich sezierten wir gemeinsam mit Kai und Christian noch die Leistung unserer Neuen: KLICK


Gleiche Liga, gleicher Spieltag: Saison 2014/15

Quelle: kicker

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