31. Spieltag (#svsd98): „Niemand fragt mehr, wie schön das Spiel war“

Die Gästetribüne wird am Samstag im Hardtwaldstadion proppenvoll sein, denn es geht ans Eingemachte. 33 Punkte stehen für den SVD auf Platz 17 zu Buche. Vor ihm weist eine ganze Armada von Klubs 37 Punkte auf. Das heißt im Umkehrschluss: Der SVD muss in Sandhausen auf Teufel komm raus gewinnen, um die Hoffnung auf den Klassenerhalt am Leben zu halten und Druck auf die Konkurrenz auszuüben.

So sieht’s aus:

Ach, was war das für ein Spektakel am vergangenen Sonntag? Die Sonne schien, der Heimbereich im Bölle war ausverkauft und die Vorfreude war aufgrund der zuletzt unschlagbaren 98er erwartungsvoll. Das Team von Dirk Schuster unterstrich vom Start weg, dass es das Spiel gegen Braunschweig gewinnen will. Es kombinierte sich phasenweise ansehnlich vors Tor der Gegner und befeuerte damit die gute Stimmung. Am Ende hatten die Lilien in jeder Spielstatistik die Nase vorn und der Spielbericht wies mit zwei SVD-Spielern die einzigen Torschützen aus. Friede, Freude, Eierkuchen? Nö. Denn Slobodan Medojevic hatte vor der Halbzeit blöderweise ins eigene Tor getroffen. Tobi Kempes Elfertor sicherte dann wenigstens einen Punkt.

Der Blick auf die Tabelle zeigt schonungslos, dass ein Sieg sooooo wichtig gewesen wäre. Braunschweig wäre – mit vier weiteren Teams – bei 37 Punkten stehen geblieben. Die 98er wären mit 35 Punkten und eindeutig bestem Torverhältnis in Schlagdistanz gekommen. Da spielt die Konkurrenz einen Spieltag mit und zieht nicht davon, doch der SVD nimmt die Steilvorlage einfach nicht an. Es ist zum Haareraufen! Hätte am Sonntag der Ball noch irgendwie ein zweites Mal den Weg ins Tor der Braunschweiger gefunden, die Heimfans hätten das Bölle in seinen Grundfesten erbeben lassen. So bleibt wieder das schale Gefühl, einen dieser verdammten Dreier liegen gelassen zu haben.

Der Mannschaft ist in puncto Leidenschaft kein Vorwurf zu machen. Die Moral ist intakt, sie zerreißt sich und gibt alles. Einzig: Das Angriffsspiel bleibt viel zu harmlos. Im Kader fehlt ein echter Knipser, ein torgeiler Spieler, der weiß, wo er zu stehen hat und den Ball im Zweifel mit dem Gegner ins Tor haut. Es ist überdies erschreckend, wie ein Team, das zu Saisonbeginn noch spielerisch zum Erfolg kommen wollte, größte Probleme hat, den Ball mit einer gewissen Selbstsicherheit durch die gegnerische Hälfte zu kombinieren. Oft genug werden einfach nur hohe Bälle nach vorne geschlagen oder Flankenbälle ausgepackt. Und das gegen Braunschweiger, bei denen die beiden Innenverteidiger und der Torwart allesamt größer als 1,95 Meter sind. Und selbst, wenn die Abwehrtürme die Bälle erwartbar klären, fehlt es an Spielern, die die zweiten Bälle gewinnen. Als Baris Atik etwas mehr Spielwitz ins Spiel bringen sollte, verletzte er sich prompt schwer. Bitter für das Lilienspiel, bitter für den Jungen.

Das Motto für Sandhausen kann deshalb nur lauten, hinten um jeden Preis die Null halten. Denn nur so können die 98er das Spiel mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gewinnen. Mehr als ein Tor erzielten die Blau-Weißen nämlich in der gesamten Rückrunde genau ein einziges Mal. Mit Sandhausen steht ihnen ein Kontrahent gegenüber, der selbst zu den Minimalisten der Liga zählt. Es dürfte bei sommerlichen Temperaturen ein Abnutzungskampf werden, in der die Fehlervermeidung Trumpf ist. Doch die Lilien können sich nicht nur auf das Vermeiden von Fehlern konzentrieren, sie müssen irgendwann anfangen zu agieren. Denn mit einem weiteren sieglosen Spiel wird die Luft verdammt dünn im Abstiegskampf. Über 4.000 Lilienfans werden ihren Teil dazu beitragen, dass der Knopf aufgeht!


Der Kontrahent hat das Wort:

Mit Maurus (@pmaurus) konnte ich heute einen ganz besonderen Experten gewinnen. Der 39-Jährige ist Benediktinermönch, stammt vom Niederrhein, kann aber dem SV Sandhausen so einiges abgewinnen.

Maurus, Du hältst es in erster Linie mit dem Effzeh aus Köln. Dennoch wissen Deine rund 3.000 Twitter-Follower, dass der SV Sandhausen ebenfalls auf Deine Unterstützung zählen darf. Warum?
Alles begann mit einer Wette auf Twitter. Worum es ging, weiß ich schon gar nicht mehr, aber Thomas (@dagobert95), der ja vor kurzem Deine Fragen zu Düsseldorf beantwortete, hatte die Wette verloren und sein Wetteinsatz war ein Beitritt zum SV Sandhausen. Dadurch war der SVS in meiner Timeline präsent. Beim Pokalachtelfinale im Februar 2017 gegen Schalke sind wir dann gemeinsam nach Sandhausen gefahren. Trotz der 1:4-Niederlage war ich begeistert von der Freundlichkeit, mit der wir dort empfangen wurden. Durch Stefan (@cdsandhausen) ist der SV ja auch auf Twitter gut vertreten und ich bin immer wieder gekommen.
Ein Höhepunkt war sicherlich, als der SV Sandhausen drei Trikotsätze seiner Jugendabteilung für die Jugendlichen einer unserer Berufsschulen in Tansania gespendet hat, für die ich als Missionsprokurator unseres Klosters verantwortlich bin. Da haben sich meine verschiedenen Welten schön miteinander verbunden.

Wenn ich meine Stadionbesuche in Köln mit denen in Sandhausen vergleiche, dann sind das natürlich zwei völlig unterschiedliche Hausnummern. Was schätzt Du am Hardtwald, wenn Du in Sandhausen bist?
Als ich das erste Mal am Bahnhof St. Ilgen-Sandhausen angekommen bin, deutete nichts darauf hin, dass hier am Abend ein wichtiges Pokalspiel stattfinden wird. Der Fußball ist hier einfach noch nicht so durchkommerzialisiert wie in den großen Vereinen. Der SV Sandhausen spielt mit diesem Image auch bewusst, wenn er auf Twitter unter dem Hashtag #derDorfverein präsent ist. Man kennt sich hier einfach, und es ist auch kein Problem, mit Spielern oder Funktionären in Kontakt zu kommen. Die Feuerwurst im Stadion ist genial, und nach dem Spiel ist man noch im Vereinsheim, das einen eigenen Charme hat, zusammen, gerne auch mit den Fans der gegnerischen Mannschaft. Da zählt es auch nicht, ob man gewonnen oder verloren hat. Das Wichtigste ist die gemeinsame Freude am Fußball. Fußballökumene halt. 😉

Ist das vermeintlich Provinzielle beim SVS vielleicht sogar seine Stärke? Meines Erachtens kommt es deutschlandweit zu kurz, dass der Klub schon seit Jahren relativ unaufgeregt sehr gute Arbeit verrichtet.
Ich denke, genau das ist die Stärke von Sandhausen. Vielleicht auch, dass der Verein dadurch gerne unterschätzt wird. Es kursiert bei Abstiegskandidaten der 1. Liga – wie bei den Kölnern – der Satz: „Dann fahre ich halt nächstes Jahr nach Sandhausen.“ Das ist dann eher abwertend gemeint, eben nach dem Motto: Dann muss ich halt in die Provinz fahren. Nun, ich freue mich auf ein mögliches Spiel in Sandhausen gegen den 1. FC Köln, obwohl da dann zwei Seelen in meiner Brust wohnen…
Vielleicht ist es deshalb auch von Vorteil, dass der SV nicht diese mediale Aufmerksamkeit genießt. Das kann gerne auch länger so bleiben, wenn der sportliche Erfolg wenigstens bleibt. Aber auf Dauer wird wohl auch der SV Sandhausen nicht um mehr Kommerz herumkommen. So ist es nun mal im Profifußball.

Zum Sportlichen: 41 Punkte, deutlich positives Torverhältnis; war der 2:0-Sieg in Duisburg nach sechs sieglosen Partien der entscheidende Dreier zum Klassenerhalt?
Entscheidend war der Dreier gegen den MSV sicher nicht, dazu liegen die Vereine alle in der 2. Liga noch zu dicht beieinander. Das ist ja gerade das Seltsame in dieser Liga, dass fast noch jeder Verein absteigen wie auch aufsteigen kann. Allerdings waren die drei Punkte auswärts ein Befreiungsschlag, der uns etwas Luft verschafft hat. Aber darauf sollten sich die Spieler nicht ausruhen, denn noch ist der SV nicht gerettet.

Im November spielte Sandhausen beim 2:1-Sieg am Bölle destruktiv, diszipliniert und äußerst effizient. Sieht so ein typisches Spiel des SVS aus? Die Tatsache, dass in zwei von drei Partien mit Sandhausen maximal zwei Tore fallen, legt das nahe.
Nun, mit Ballbesitzfußball à la Guardiola oder Fußballkunst kann der SV Sandhausen nicht aufwarten. Was zählt, sind am Ende die Punkte, und niemand fragt mehr, wie schön das Spiel war. Deswegen kann ich mit der Beschreibung gut leben. Vor dem Auswärtssieg in Duisburg galt der SV ja als „Remiskönig“, so oft, wie die Spiele Unentschieden ausgingen.

Da kann ich mir ja fast schon denken, wie das Spiel am Samstag ausgeht, denn auch die Lilien haben sich irgendwie in diese Unentschieden verguckt. Wer sind für dich die Leistungsträger, die im Spiel der Schwarz-Weißen unverzichtbar sind?
Da ist zunächst einmal unser Neuzugang Rurik Gislason aus Island, der eine gute Verstärkung im Sturm ist. Aber auch Spieler wie Denis Linsmayer oder Manuel Stiefler sind enorm wichtig, die sich komplett mit dem Verein identifizieren und bei den Fans beliebt sind. Dass Andrew Wooten nach langer Verletzungspause wieder fit ist, ist ein Faktor, der psychisch nicht unterschätzt werden darf. Und Richard Sukuta-Pasu im Sturm ist immer für ein Tor gut.

2013 hielten die 98er die 3. Liga, weil einem Kontrahenten die Lizenz entzogen wurde. Genauso erging es Sandhausen eine Liga höher. Seither platzierte sich der SVS immer zwischen Platz 10 und 13. Noch ein Sieg und der SVS hätte seinen Punktrekord in der 2. Liga eingestellt. Wie hoch schätzt Du die Chancen ein, dass es schon gegen die Lilien klappt?
So leid es mir für die Lilien tut, wäre ein Heimsieg für mich sehr erleichternd und ein weiterer Schritt zum Klassenerhalt. Allerdings wird das kein Selbstläufer, denn ihr braucht die Punkte auch dringend und werdet es dem SV nicht leicht machen. Und dann muss man ja immer noch auf die anderen Mannschaften schauen, so eng wie das alles gerade ist. Es bleibt spannend. 🙂

Maurus, allerbesten Dank für Deine Ausführungen!


Auf die Ohren: Der Lilien-Podcast

Kai, Christian, Mike und ich sprachen am Montagabend darüber, was im Spiel gegen Braunschweig gut war und natürlich auch über das, was uns so gar nicht gefallen hat. Kai ließ dabei seine Beobachtungen von der Haupttribüne einfließen, Christian machte einen Rentner auf dem Spielfeld aus und Mike intensivierte seine Wertschätzung für unseren Südkoreaner: KLICK.


Gleiche Liga, gleicher Spieltag: Saison 2014/15

Quelle: kicker

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